Auf dem Parkplatz ziehe ich die
Wanderschuhe an, schnappe Rucksack und Wanderstock, stapfe los zum
Waldrand, versuche mich zu orientieren- und damit beginnt das Problem.
Vorsorglich habe ich meine 1991-er "Auto- und Wanderkarte Harz"
eingepackt, die stolz mit dem Logo "Der ganze Harz" geschmückt
ist. Als wir Anfang der 90-er Jahre in Trautenstein waren, war dies die
erste Karte, auf der sowohl der Ostharz als auch der Westharz
eingezeichnet waren. Der Ostteil basiert auf Kartenmaterial aus der
DDR. Ich versuche zunehmend verzweifelt, die Karte mit dem Gelände
in Übereinstimmung zu bringen, was ich nach einer Weile aufgebe.
Die Karte hat mit der Realität nicht einmal entfernte
Ähnlichkeit: Wo auf der Karte Wege eingezeichnet sind, muß
man sie in den letzten 12 Jahren sorgfältig von der
Erdoberfläche beseitigt haben. Und wo breite Wanderwege den Wald
durchziehen, ist auf der Karte undurchdringliches Dickicht
eingezeichnet. Da ich mal annehme, daß sich das Wegenetz in 12
Jahren nicht so gravierend geändert hat und auch die Kartographen
der DDR ja sicher nicht doof waren, haben wohl die "zuständigen
Organe" der DDR dafür gesorgt, daß die Karten diesen ehemals
im Grenzgebiet gelegenen Ort total falsch darstellen. Ich stecke meine
wertlose Karte ein und orientiere mich fortan nur noch an der sehr
guten Beschilderung der Wanderwege.
Ich nehme den "Neuen Weg" und
tauche nach wenigen Schritten in den Wald ein. Das ist es, was mir zu
Hause fehlt: die dunklen, raunenden Wälder. Irgendwie sind sie
viel düsterer als die großen Kiefernwälder meiner
märkischen Heimat, was wohl daran liegt, daß im Harz viele
Fichten- und Buchenwälder vorherrschen, die weniger Licht
durchlassen. Der Weg ist gesäumt von gewaltigen Felsbrocken, und
nach einiger Zeit gelange ich an einen kleinen Bach, der den Weg kreuzt
und sogar noch Wasser führt- fast ein Wunder nach nunmehr 6 Wochen
sengender Hitze und absoluter Trockenheit in diesem Jahrhundertsommer
2003. Es ist herrlich, sich das klare, sprudelnde Wasser über den
Kopf zu kippen.
Wenige
Schritte weiter gelange ich an den Bahnübergang der Brockenbahn,
und es kommt auch gerade ein Zug. 'Glück gehabt', denke ich,
'daß er gerade jetzt kommt. Kannst du ja ein Foto machen.'
Später merke ich, daß die Züge fast im S-Bahn-Takt
fahren und alle Nase lang an mir vorbeischnaufen. Was mich am meisten
wundert: Das sind ja dampf- und funkenspeiende Schmalspurloks, die da
mitten durch den dichten Wald fahren. Nach wochenlanger Dürre wird
man täglich dreimal ermahnt, um Gottes Willen keine Zigarette im
Wald anzumachen (nein, ich bin Nichtraucher) und jeden Funken zu
vermeiden, um keine Waldbrände zu verursachen. Und die
feuerspeienden Dampfrösser fahren ungerührt -zig mal
täglich hin- und her?! Die Vorstellung, mit dem Zug auf IHN
hinaufzufahren, liegt ohnehin außerhalb meines
Vorstellungsvermögens- der Respekt gebietet es einfach, IHN bei
der Erstbesteigung zu Fuß zu erklimmen.
Hinter
dem Bahnübergang entdecke ich an einer Schutzhütte ein
Schild, das mich darüber belehrt, daß ich gerade die "Alte
Bobbahn" hochgewandert bin. Grundgütiger- wenn ich mir
überlege, daß die da früher mit ihren Bobs
runtergedonnert sind, und das mit Hundert Sachen! Ich entscheide mich,
auf dem "Bahnparallelweg" weiterzuwandern, da das Schild am Eckernloch
einen steilen Anstieg verheißt, was mich als Lowlander
natürlich begeistert.
Während ich weiter durch den herrlichen
Wald wandere, gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf: Heute ist
just der 13.August- vor 42 Jahren wurde die Mauer gebaut, die dazu
führte, daß der Brocken etwa genauso fern war wie die
Antarktis. Und der Wurmberg, den ich immer wieder sehen kann, war ganz
und gar unerreichbar, da er einige Kilometer jenseits der Grenze
lag. Was mich allerdings wundert: Ich begegne während des Auf- und
Abstiegs kaum einer Menschenseele, und auch oben auf dem Gipfel ist es
nicht gerade belebt. An sich freut mich dies ja. Ich kann mich nur noch
gut daran erinnern, daß ich einmal Anfang der 90-er Jahre vom
Wurmberg mit dem Fernglas zu IHM herüberblickte. Da zog sich die
Brockenstraße eine endlose Menschenschlange zu IHM hinauf, die
aussah wie die Goldgräberkarawane über den Chilcoot-Paß
in Jack Londons "Lockruf des Goldes".
Am
Eckernloch wird es dann felsig. Des Flachländers Herz macht einen
Hüpfer, denn nun geht es eine ganze Weile steil aufwärts
über riesige Steinbrocken. Ich passiere zunächst die 900 m
über NN-Marke, nach einiger Zeit erreiche die 1000 m Höhe.
Dem Himmel
einen Kilometer
näher! Allmählich haben es die Bäume hier oben ziemlich
schwer; ich sehe allenthalben ziemlich tote Fichtenstämme, die
kahl und ohne Nadeln in den Himmel ragen. Ich lese später in dem
interessanten Heft über IHN, daß dies nicht so sehr an der
Höhe liegt, sondern vor allem am starken Wind auf IHM. Das
Klima auf dem 1.142 Meter hohen Brocken soll so sein wie in 2.000 Meter
Höhe in den Alpen.
Kurz
darauf ist der steile felsige
Steig zu Ende und ich stehe unvermittelt auf der Brockenstraße.
Etwas weiter passiere ich das Gleis der Brockenbahn, wo eine Feuerwehr
steht und ein paar beherzte Feuerwehrmänner mit einer tragbaren
Kübelspritze losstapfen. Aus ihrem Funkgerät plärrt eine
Stimme, daß es nur ein kleiner Brandherd von ein paar
Quadratmetern sei. Ich mache mir so meine Gedanken über
Waldbrandwarnstufe 4 und qualmende Dampfloks....
Noch einige Schritte die Brockenstraße bergauf...
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