... und ich bin
oben.
Oder noch nicht ganz. Das erste, was mich empfängt, ist der
Gedenkstein an die Wiederöffnung des Brockenzuganges am 3.12.1989.
Ich kann mir gut vorstellen, wie die Menschen sich gefreut haben, als
sie IHN nach 30 Jahren wieder erklimmen konnten.
Ich gehe in Uhrzeigerrichtung den
Rundwanderweg entlang, klettere über die Schienen und sehe jetzt
zum ersten mal aus der Nähe den charakteristischen Funkturm.
Seltsam: Während des gesamten Aufstiegs konnte man kein einziges
Mal SEINEN Gipfel sehen. Was nicht mehr vorhanden ist, ist die
große Kuppel, unter der früher die Abhöranlagen gen Westen verborgen waren. Was
war das doch für ein bekloppter Zustand: Vom Brocken aus
belauschte der Warschauer Vertrag den Westen, und vom zum Greifen nahen
Wurmberg die NATO den Osten.

Ich komme am Brockengarten vorbei
und erreiche die Teufelskanzel und den Hexenaltar. Hier also treffen
sich in der Walpurgisnacht die Hexen auf dem Blocksberg und fegen mit
dem Besen den letzten Schnee vom Brocken. "Die Hexen zu dem Brocken
ziehn, Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün. Dort sammelt sich
der große Hauf, Herr Urian sitzt oben auf. So geht es über
Stein und Stock, Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock." (Goethe:
Faust. Der Tragödie zweiter Teil)
Noch ein Stück weiter geht es
auf dem Rundweg mit immer neuen, grandiosen Fernblicken in den
westlichen Harz, über die Wälder und wie Spielzeug
daliegenden Orte hinweg. Und schließlich bin ich tatsächlich
ganz oben auf IHM, in 1.142 Metern Höhe. Ich erreiche den
"Höchsten Punkt" mit der "Brockenuhr" und der Tafel an einem
großen Felsbrocken, die die Höhe belegt. Ich atme dreimal
tief durch und schlucke, denn mir ist etwas seltsam zumute- seit etwa
30 Jahren, als ich das erste mal im Harz war, hatte ich mir
gewünscht, einmal den Brocken zu besteigen. Und jetzt habe ich es
endlich geschafft. Was für ein Gefühl! Es war zwar keine
bergsteigerische Meisterleistung, aber es ist einer jener mystischen
Momente im Leben, wo man etwas erreicht hat, wovon man lange
geträumt hat. Ich koste den Moment aus und schreite die
"Brockenuhr" mit ihren Entfernungen zu allen möglichen kleinen und
großen Orten in der näheren und ferneren Umgebung ab.
Allmählich
melden
sich Hunger und Durst und ich kehre beim Brockenwirt ein. Wie bei jeder
schönen Wanderung ist es einer der erfreulichsten Momente, den
Rucksack fallenzulassen, mich auf eine grobe Holzbank sacken zu lassen,
auf dem klobigen Holztisch ein schönes Hasseröder Pils und
Erbsensuppe mit Wiener aus der Gulaschkanone. Ich genieße den
Augenblick, löffle die heiße Suppe, lasse den Blick
über das weite Harzvorland streifen, schlürfe das
Hasseröder und freue mich des Lebens. Dann plötzlich passiert
das Schreckliche: Eine der vielen starken Windböen erfaßt
den Plastebecher mit dem Bier, schmeißt ihn um und das Pils
ergießt sich in reichem vollem Schwalle über die
Wanderkarte. Nun ja, um die nichtsnutzige und in höchstem
Maße irreführende Karte ist es nicht schade, aber das Bier!
Ich unterdrücke ein leises Schluchzen und hole mir ein neues.
Wenigstens habe ich einen Grund, mir am Kiosk eine neue Karte zu
kaufen, auf der zu meiner grenzenlosen Verblüffung
tatsächlich alle Wege korrekt eingezeichnet und bezeichnet sind.
Ich
streife noch einige Zeit auf SEINEM Gipfel umher und sehe mir die
verschiedenen Gebäude an: den Funkturm, die Brockenherberge,
die Wetterwarte und das Brockenhaus. In letzterem will ich mir eigentlich
noch die Ausstellung ansehen, aber es ist schon zu spät und der
Eintrittspreis läßt mich auch etwas frösteln.
Eine Tafel
erinnert an
Heinrich Heine, der bei seiner Harzreise auch IHN erstieg: "...Es ist
ein äußerst erschöpfender Weg, und ich war froh, als
ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam...". Für
mich ist es auch Zeit, mich an den Abstieg zu machen....
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