Ich fahr' an die Küste

Tag 1: Dedelow - Murchin (116 km)

Der Auftakt der Tour bringt heimtückische Streckenabschnitte, Hungeretappen, eine Fahrt durch drei Meere und düstere Moore.

In der Nähe meines Wohnortes führt auf einer meiner Laufstrecken seit einigen Jahren der Radweg Berlin-Usedom entlang. Besonders im Sommer war ich immer wieder perplex, wie viele Radfahrer dort gen Ostsee streben: Mitunter fahren die Pedalritter dort im 2-Minuten-Abstand nach Norden. Warum sollte ich nicht mal selbst...? Die Abenteuer liegen vor der Haustür - also mache ich mich im Juni 2009 selbst auf den Weg. Auf dem Radweg Berlin-Usedom an die Ostsee sollte es gehen; auf Usedom angekommen dann weiter auf dem Ostseeküsten-Radweg nach Westen von Ahlbeck bis Wismar.

Nun, was brauche ich: Mir reicht mein Baumarkt-Tourenrad, zwei Ortlieb-Gepäcktaschen (die großartigste Erfindung seit dem Eierscheibenschneider!), eine zusätzliche wasserdichte Packtasche des Elektronik-Versenders Pearl, ein winziges Zelt, Schlafsack, Thermoluftmatratze, paar Klamotten, Waschzeug, Werk- und Flickzeug (habe ich nicht gebraucht) und etwas Verpflegung. Dazu die hervorragenden Bikeline-Fahrradkarten der beiden Radwege, die mich an (fast) keiner Stelle im Stich lassen.

Wegweiser in BandelowAn einem etwas wolkenverhangenen, aber trockenen Junitag geht es los. Ganz schön wackelig, wenn auf dem Gepäckträger oben drauf noch so ein schwerer Packsack festgeschnallt ist (nein, das da rechts ist nicht mein Fahrrad)! Nach wenigen Kilometern passiere ich Bandelow. Dort lockt das Imbisszelt von Piet Wolters Bauernkäserei - aber ich kann ja nicht jetzt schon Rast machen. Außerdem kommt hinter mir eine ziemlich große Radlergruppe, und mein Ego erlaubt es nicht, dass die mich überholen.

Über der A20 bei RollwitzKurz danach überquere ich die A20, die Ostseeautobahn, und schaue von oben verächtlich auf die dahinrasenden Autos. "Muskeln ja! Motoren nein!" skandiere ich innerlich und freue mich jetzt schon auf den Moment, in dem ich - nur von den eigenen Beinen angetrieben - das erste mal das Meer sehen werde. Ein wenig beneide ich die Autos aber um ihre glatte Piste; zwischen Schmarsow und Rollwitz ist der Radweg nicht mehr als eine gefährliche Holperpiste mit heimtückischen spitzen Steinen, die auf arglose Fahrradreifen lauern.

Rast hinter ViereckPasewalkPasewalk um die Mittagszeit wirkt etwa so belebt wie London in "28 days later". Mich überkommt ein leichtes Hungergefühl und ich vermisse völlig Imbissbuden a la "Renate's Schaschlikparadies" oder "Uschi's Schlemmerstübchen" (ja, die werden immer mit dem schlimmen Deppenapostroph geschrieben), wie es sie im uckermärkischen Abschnitt dieses Radweges alle paar Kilometer gibt. Hier nicht. Also fülle ich am Friedhofswasserhahn in Viereck meine Wasserflasche nach und kaue an einem Rastplatz hinter dem Ort auf meinen zähen Brötchen herum, die ich glücklicherweise eingepackt habe. (Hier ein wichtiger Tipp für Nachahmer: Nehmt Euch unbedingt etwas Verpflegung mit; es gibt diverse Passagen in Vorpommern, wo es mit der Verpflegung etwas karg aussieht, wenn man nicht an essbare Wurzeln, Pilze und Beeren gewöhnt ist!).

Im Land der 3 Meere"Hundsbeutel" - was für Ortsnamen!Weiter geht es durch eine Gegend, die vielen ehemaligen Wehrpflichtigen der DDR als das Land der 3 Meere bekannt ist: Sandmeer, Kiefernmeer, gar nichts mehr. Namen wie Ernst-Thälmann-Siedlung, Drögeheide, Torgelow und Eggesin jagen vielen davon noch eisige Schauer über den Rücken. Der Radweg ist allerdings prima: Meist geht es auf ordentlichem Asphalt durch Wälder, entlang an Kasernen, kargen Plattenbausiedlungen und Warnschildern, dass auf dem Militärareal auch mal scharf geschossen wird. Über manche bizarre Ortsnamen unterwegs muss ich auch schon mal grinsen.

Am Stettiner Haff bei MönkebudeHafen von UeckermündeIn Ueckermünde ist Hafenfest. Mir knurrt schrecklich der Magen; irgendwie brauche ich jetzt mal was Ernsthaftes zu essen. Grillwurstduft zieht heran, goldgelber Räucherfisch leuchtet, Steaks brutzeln, übergossen von Bier - ja, ja, ich komme...! Nein. "Kostet vier Euro Eintritt" bedeutet mir eine energische Blondine am Einlass. Nein, ich will nicht feiern und der Volkstanzgruppe zusehen, ich will nur ein Steak und ein Bier! "Vier Euro Eintritt!". Warum zum Teufel steht der Grill in der verbotenen Zone?! Also trolle ich mich zum Markt und bestelle in einem Cafe 2 Stück Kuchen, Kaffee und ein Wasser. Die Kellnerin verteilt den Kuchen, fragt, wer den Kaffee und wer das Wasser bekomme, und als sie weg ist, verschlinge ich alles. Wenigstens habe ich jetzt wieder ein paar Muckis in den Beinen. Einige Kilometer weiter stehe ich dann am Stettiner Haff am Strand in Mönkebude und kann nun schon das erstemal fast so etwas wie das Meer sehen.

Zwischen Mönkebude und LeopoldshagenTorfmoor vor AnklamHinter Mönkebude wird's dann etwas schwierig: Es gibt zwei Wegweiser nach Leopoldshagen. Ich fahre in Richtung Deich und schon nach wenigen Hundert Metern geht es "Rat-tong! Rat-tong!" - Betonspurplatten. Nein, da hat man nach einigen Kilometern eine Meise und ist fortan zeugungsunfähig, also zurück. In Mönkebude radeln mir zwei rüstige vollbepackte Seniorinnen entgegen, die offenbar auch gen Ostsee wollen. Ich warne sie vor dem Weg und sage ihnen, sie sollen lieber auch an der Straße entlang fahren. Sie schenken mir warme dankbare Blicke. - Toller Vorschlag. Der Weg an der L 31 entlang entpuppt sich als Slalomweg zwischen vorpommerschen Kiefern, bei dem man mit seinem hohen Gepäck-Schwerpunkt aufpassen muss, nicht lang hinzuschlagen oder an einem Baum zu landen...

Kurz darauf gelange ich in das Torfmoor vor Anklam. Der Weg verläuft auf einem asphaltierten Damm auf dem Deich entlang an weiten schilfbewachsenen Wasserflächen vor abgestorbenen Bäumen und mit Hunderten von Wasservögeln. Allerdings pfeift jetzt der Wind ganz schön von vorn.

Wegweiser zur Fähre nach KampTorfmoor vor AnklamDas war es dann allerdings erst mal mit dem schönen asphaltierten Weg: Jetzt geht es viele Kilometer durch das Torfmoor. Anfangs auf "naturbelassenem Weg", auf dem ich schon mal ins Schlingern gerate; später kilometerweit auf Spurplatten, die die Bandscheiben aufjauchzen lassen. Es herrscht eine ziemlich düstere Stimmung, die Wolken hängen tief, der Wind weht kräftig und ich warte eigentlich nur darauf, dass ein schweigsamer Mann in einem Ölmantel und mit einer Regenmütze langsam auf mich zukommt und dabei unverständliche böse klingende Worte auf Platt raunt. Da platscht es plötzlich neben mir im Wasser, als ich just an einem Kanal stehe, ich fahre herum, sehe einen Angler seine Rute schwingen, während er herüberruft, wo ich hinwolle. "Bis Murchin heute noch!" schreie ich zurück, und er guckt zweifelnd, da das immerhin noch etwa 30 Kilometer sind und es schon 18 Uhr ist. Kurz darauf stehe ich vor einem Wegweiser, der mir einerseits den langen, anstrengenden Weg über Anklam verheißt, andererseits den kurzen, bequemen Weg mit der Fähre von Kamp nach Usedom. Nein, ich habe noch einen Rest von Selbstachtung: Ich fahre mit inzwischen schmerzenden Oberschenkeln den langen Weg durch den heulenden Wind über Anklam.

1. Tag geschafft - 116 km!Zeltplatz in MurchinAnklam ist passiert, die Peene überquert. Inzwischen habe ich in der Jugendherberge in Murchin angerufen, ob ich auf ihrem Zeltplatz eine Nacht bleiben kann. Ja, das sei kein Problem. Und so strampele ich Kilometer für Kilometer weiter, an der B110 entlang, bis ich endlich gegen 19.30 Uhr nach 116 Kilometern am Ortseingang von Murchin auf dem Zeltplatz der Jugendherberge ankomme. Für nur 7 Euro kann ich auf der großen Wiese mein winziges Zelt aufbauen und duschen. Noch ein schlichtes Abendmahl genommen, die Stille genossen und vor den Mücken bald in das enge Zelt geflohen, wo ich eine sehr ruhige Nacht verbringe.


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Letzte Änderung: 04.02.2010
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