Ich fahr' an die Küste

Tag 4: Altefähr - Dierhagen (118 km)

Tag vier offenbart eine landschaftlich wunderschöne Strecke entlang am Meer, dem Bodden und auf dem Darß.

RügenbrückeStralsund im MorgendunstMorgens um 07.00 Uhr werde ich wieder wach. Warum stehen die Leute auf Campingplätzen eigentlich alle so früh auf und sind dabei so laut? Kleines Frühstück, packen und auf geht es wieder. Als ich in Altefähr am Rügendamm stehe und rüber auf das im Morgendunst verschwimmende Stralsund schaue, freue ich mich schon auf den Tag: Es ist sonnig, die Strecke führt immer am Meer entlang und ich will den Darß erreichen. Zum Glück muss ich nicht über die steile Rügenbrücke, sondern kann den alten Rügendamm überqueren.

Hafen in StralsundIn Stralsund schlendere ich eine Weile durch den Hafen, atme die frische Morgenluft ein und genieße um 09.30 Uhr noch einen großen Kaffee mit dem ersten Matjesbrötchen dieser Saison - herrlich, auch wenn mein Magen Schwierigkeiten hat, zu so früher Stunde einen fermentierten jungfräulichen Hering regulär zu verarbeiten.

Mehr Mohn als RapsAm GrabowDie nächsten Stunden sind abgöttisch schön: Bei strahlend blauem Himmel fahre ich an der Prohner Wiek und am Grabow entlang, immer mit Blick auf das blaue Meer mit weißen Segeln und Möwen, mit duftenden Heckenrosen und abgeschiedenen Dörfer mit bunten Häusern in Richtung Barth. Ich stammele meine Begeisterung ins Diktier-Mobiltelefon und kriege mich kaum noch ein. Zeitweise geht es auf den Deichwegen durch weite Wiesen und Sümpfe. "Keine Macht den Drogen!" schreit es plötzlich innerlich in mir, als ich die mehr mohnroten als grüngelben Rapsfelder sehe und ich beschließe, künftig Rapsöl aus MV zu meiden, um nicht mit dem Betäubungsmittelgesetz in Konflikt zu geraten.

Meininger Brücke zum DarßKilometer für Kilometer radle ich Richtung Barth; stellenweise geht es auch mal einen heftigen Berg hoch und runter. Es sind zahllose Radwanderer mit viel Gepäck unterwegs, die alle freundlich grüßen. Außerdem begegnen mir immer wieder Rennradfahrer in kreischbunten hautengen Klamotten mit viel Werbung und dunklen Sonnenbrillen; die grüßen nicht und rasen mit einem Blick voller Ekel an den lahmen Radwanderern vorbei. Mittags erreiche ich dann Barth. Auf einem Schiff im Hafen gönne ich mir eine Knacker und ein schwer genießbares Lübzer alkoholfrei (die mischen da irgend so ein Zuckerzeug drunter). In Barth wird heftig an der Straße gebaut, also verirre ich mich leicht und bin nach 20 Minuten wieder genau da, wo ich losgefahren war. Noch ein paar Kilometer weiter an einer alten Bahnstrecke entlang gelange ich dann aber schließlich zur Meininger Brücke und hinüber zum Darß.

Auf dem Deich von Zingst nach PrerowIm Hafen von ZingstAuf dem Darß! Im Hafen von Zingst nehme ich in der Kneipenmeile ein gepflegtes Erdinger alkfrei und schiebe dann rüber zum Strand und zur Seebrücke. Gediegenes Ambiente: Braungebrannte Athleten mit knappen Badehöschen und teuren Sonnenbrillen in Strandcafes bei Chillout-Musik - schnell weg hier; hier passe ich als verschwitzter Prolet im karierten Hemd mit viel Gepäck auf dem Fahrrad nicht hin. Rauf auf den Deich und ab in Richtung Prerow auf dem erstklassig asphaltierten Radweg.

Am Bodstedter BoddenSeemannskirche in AhrenshoopIn Prerow muss ich dann etwas suchen, um den rechten Weg zu finden. Am Bodstedter Bodden fahre ich in Richtung Wieck, wo im Hafen gerade ein Schiff anlegt und ein Lübzer Lemon nebst Bockwurst mundet (Nerve ich Sie mit den Beschreibungen nahrhafter Getränke? Man glaubt ja nicht, was man unterwegs so ausschwitzt und an Mineralien verliert!). Der Weg von Wieck nach Born offenbart herrliche Blicke auf den Bodden und das Schilf. In Born hätte ich im Regenbogencamp sicher noch einen Platz gefunden, aber ich will gerne am richtigen Meer übernachten, also weiter. In Ahrenshoop singt neben der Seemannskirche ein Jugendchor; ich lausche kurz und fahre dann weiter auf dem jetzt wieder sehr schönen Radweg über das Fischland, immer am Meer entlang.

Zeltplatz Hinter den Dünen DierhagenSchließlich erreiche ich nach 118 km das Ostseebad Dierhagen, nachdem ich kilometerlang, vorbei an Wustrow, oben auf den Dünen mit einer phantastischen Aussicht auf das Meer entlanggeradelt bin. Auf dem Zeltplatz "An den Stranddünen" finde ich für 15,50 EUR (*schluck*) endlich auch mal einen schönen Platz für das Zelt. Man muss hier wie bei einem Pauschalurlaub so ein gelbes Armband um das Handgelenk binden. Neben mir steht ein großes Familienzelt; die Nachbarn grüßen freundlich, doch plötzlich gucken auch zwei kalbsgroße Riesenhunde mich an - oh nein! Das mir als bekennender Hundeunsympath, der sich aus bösen Erfahrungen als Läufer lieber von Hunden fernhält! Glücklicherweise sind die beiden Wesen friedlich.
In der Strandgaststätte beschließe ich den Abend mit einem Festmahl. Um mich herum mampfen sie alle Schnitzel mit Pommes - und das, wo ein Mecklenburger Rippenbraten auf der Karte steht! Ein Mecklenburger Rippenbraten, mit Rotkohl und Klößen, wo die Zähne sich durch die knusprige Kruste und die buttrige dünne Fettschicht des Bratens in das saftige Fleisch zu den süßen Backpflaumen durchgraben - ich kann vor Wonne ein leises Grunzen kaum unterdrücken...

Sonnenuntergang in DierhagenDie Dusche kann ich mir sparen; ein Sprung in die 16 Grad kalte Ostsee tut's auch. Da das hier die Nordwestküste ist, kann ich im kühlen Sand liegend auch noch einen herrlichen Sonnenuntergang bewundern, zu dem sich kurz vor dem Eintauchen schnuppdiwupp auch noch Dutzende Anderer mit einem Hang zum Romantischen einfinden. Was war das doch für ein schöner Tag!


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Letzte Änderung: 08.03.2010
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