Ich fahr' an die Küste

Tag 5: Dierhagen - Boiensdorf (93 km)

Tag fünf bringt wieder eine herrliche Fahrt am Meer, Hafenatmosphäre und am Abend die Tücken moderner Duschtechnik.

Seebrücke in Graal-MüritzHeckenrosen, Dünen und MeerWie immer stehe ich schon ziemlich früh auf; "Morgenstunde hat Gold im Munde" könnte ich jetzt sagen, aber meist sind es laute Nachbarn, bellende Hunde oder lautes Vogelgezwitscher, die mich morgens immer so früh raustreiben. Es ist schon sehr warm, ich packe, frühstücke und fahre dann. Den Weg nach Graal-Müritz kenne ich noch aus dem letzten Urlaub: Ein Stück auf dem Deich entlang, dann hinter den Dünen durch das Naturschutzgebiet Großes Moor und schließlich auf dem Deich rein nach Graal-Müritz. Der Blick fällt über Heckenrosen auf das blaue Meer und den strahlend blauen Himmel - das ist doch herrlichstes Radtourwetter! In Graal-Müritz bleibe ich noch ein wenig auf der Seebrücke, esse was in einem Strandcafe und kaufe im Ort noch Brot und ein paar Flaschen eines kaffeehaltigen Kakaos - irgendwie muss man ja morgens wach werden, wenn der Bruder von einem Kocher abgeraten hat, mit dem man sich hätte duftenden Morgenkaffee bereiten können.

Yachthafenresidenz Hohe DüneHinter Graal-Müritz führt der Ostseeküstenradweg durch herrliche Wälder der Rostocker Heide, in denen es warm nach Kiefern duftet. Vorbei geht es an Markgrafenheide; hier war ich als Knabe ein paar mal in einem tollen Ferienlager direkt am Meer. Wir haben dort unter anderem legendäre Neptunfeste gefeiert, bei denen voller Begeisterung die Rituale mit Ekeltrunk und Einseifen bei der Neptuntaufe zelebriert wurden. (Findet heute bei der Marine Vergleichbares statt, so wird dies vom Wehrbeauftragten des Bundes als menschenverachtende Schandtat gegeißelt.) Damals gab es die Yachthafenresidenz Hohe Düne in Warnemünde noch nicht, die ich kurz darauf passiere. Als ich mit der mir Fähre über den Neuen Strom tuckere und mein Zelt mit den Luxussuiten zu gepfefferten Preise vergleiche, schießt mir unwillkürlich "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" durch den Kopf. Na ja, die Besserverdienenden müssen ja auch irgendwo schlafen und bringen immerhin viel Geld nach MV.

Die Schwedenfähre am Leuchtturm in WarnemündeAm Alten Strom mit MöweDer Tunnel unter dem Bahnhof in Warnemünde ist ein Härtetest für Radschieber, aber dann stehe ich endlich am Alten Strom. Hafenatmosphäre, wie ich sie liebe. Während ich am Fischkutter Fish and Chips mit Rostocker Lemon genieße, kommt ein Nahrungskonkurrent in Form einer Möwe energisch auf mich zu. Sie lässt sich auch durch intensives Zischen und deutliche Ansprache (ich will nicht schreiend und armrudernd herumtoben) nicht verscheuchen, und ich denke plötzlich an den "Möwen greifen Menschen an"-BILD-Artikel in Koserow. Sollte die vielleicht...?! Schließlich sieht der Vogel ein, dass er in der Nahrungskette klaftertief unter mir steht und trollt sich. So kann ich noch friedlich auf der Mole den Wind und die Sonne genießen und angesichts der "Schwedenfähre" darüber nachdenken, dass man heute damit problemlos nach Skandinavien schippern kann - vor 20 Jahren war das nur ein sehnsüchtiger Traum.

Steilküste StolteraaVorbei am Warnemünder Teepott geht es in Richtung Osten weiter. Viele Kilometer führt der Radweg jetzt oben an der Steilküste entlang, auf abwechslungsreichen herrlichen Wegen, mal asphaltiert, mal festgefahrener Sand, mal Schotter oder auf Waldwegen. Vom Aussichtspunkt bei Stolteraa breitet sich geradezu eine Postkartenidylle vor mir aus. Mann, ist das schön: so ganz allein tagelang am Meer entlangfahren, den Wind in den Haaren (na ja, der Helm hält sie doch etwas bedeckt), salzigen Geschmack auf den Lippen, das Rauschen des Meeres im Ohr, Sonnenbrand, der endlose Blick hinaus, Schiffe am Horizont - was ist das doch für ein geiler Planet!

Gespensterwald bei NienhagenFahrradschlauchautomat in NienhagenIn Nienhagen fällt mein Blick auf einen Automaten am Wegesrand. Was gibt es dort: Zigaretten? Kondome? Amerikanische koffeinhaltige Limonade? Nein - Fahrradschläuche! Was für eine geniale Idee. Zum Glück hatte ich bisher keinerlei technische Probleme, auch wenn der Weg streckenweise auch mal etwas rauher war. Hinter Nienhagen führt der Weg durch den "Gespensterwald" - er macht seinem Namen alle Ehre. In dem Buchenwald ist es finster wie im..., also, ähm, wie im Rektum eines Ursus, während draußen über dem Meer die Sonne strahlt.

HeiligendammStrand von KühlungsbornIn Heiligendamm führt der Radweg in einem großen Bogen um die "weiße Stadt am Meer" herum - "Und ich muss draußen bleiben" heißt es für die radelnden Proleten, deren Anblick wohl nicht das gediegene Ambiente des Ortes verschandeln soll. In Kühlungsborn geht es dann volkstümlicher zu. Trotz eisiger Wassertemperatur vergnügen sich die Sommerfrischler im Meer, bewacht von einem Wachturm als Relikt der  "Grenzbrigade Küste". Kühlungsborn ist der letzte große Badeort an der Küste, den ich mitnehmen werde, bevor es dann etwas stiller wird. Ich staune, wie viele Cabrios mit Bad Doberaner Kennzeichen gemächlich durch den Ort rollen - Tourismus scheint hier wirklich ein lukrativer Erwerbszweig zu sein.

Großsteingrab bei RerikSchluss mit dem Genussradeln - jetzt wird es wieder etwas robuster! In Kühlungsborn schwenke ich nach Süden in Richtung Rerik weg. Es geht durch das stille Hinterland. In Kägsdorf ist Bergwertung - ich ächze steile Anstiege hoch, aber dahinter geht es zum Glück kilometerweit bergab. Vor Rerik grüßt ein Großsteingrab am Wegesrand - wie zum Teufel haben die Jungs früher solche Hinkelsteine übereinandergetürmt, ohne Kran und Gabelstapler?
Von Rerik bin ich dann etwas enttäuscht - nach den vielen prächtigen Ostseebädern wirkt es doch sehr beschaulich. Dafür wird mir der Biermix (darf man als Radfahrer eigentlich mehrmals am Tag solche gepanschten Biergetränke straflos zu sich nehmen, ohne mit der Straßenverkehrsordnung in Konflikt zu geraten?) zum Backfischbrötchen im Hafen frisch von den netten Kellnerinnen zusammengemischt. Stärkung für die letzte Etappe, bei der ich hinüber auf die Halbinsel Wustrow und die Insel Poel schauen kann. Poel ist mir aus frühester Kindheit in dunkler Erinnerung, als wir dort den ersten Urlaub meines Lebens verbrachten und im Hafen von Wismar unfassbare Mengen von Quallen von teilweise biblischen Ausmaßen herumschwammen.

Sonnenuntergang am Zeltplatz BoiensdorfZiemlich zermürbt erreiche ich den Zeltplatz auf dem Boiensdorfer Werder. Auch hier fast nur Dauercamper, aber für nur 6,50 EUR kann ich mir einen Platz auf einer großen sonnigen Wiese aussuchen. Der Kiosk hat zu, und so zehre ich von meinen letzten Vorräten. Ein abendliches Bad in der Ostsee fällt aus - der Campingplatz wirbt mit seiner Naturnähe, was sich im Wasser als endlose stinkende Algenteppiche darstellt (und später noch mit einer Zecke im Rücken). Dafür ist der Sonnenuntergang erstklassig. Als Abenteuer erweist sich die mit einem Duschchip zu bestückende Dusche: Zwar steht dran, dass man mit dem Chip ... Minuten Wasser hat, aber auf allen Schildern fehlt der Eintrag, wie viele Minuten es denn sind. Murphys Gesetz bewahrheitet sich wieder einmal, und ich habe gerade hektisch begonnen, den Schaum von mir abzuspülen, als das Wasser abrupt aufhört zu sprudeln und nicht wiederkehrt. Ich stehe ab Gürtelhöhe abwärts da wie der Schaumgeborene und muss mir mit Hilfe eines Zahnputzbechers am Waschbecken mühsam die Seife vom Körper spritzen. Ich liebe diesen neumodischen Sch*ß... Also ab ins Zelt, noch ein wenig dem Vogelzwitschern gelauscht (mehr Geräusche gibt es hier nicht) und eingeschlafen.


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Letzte Änderung: 18.03.2010
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