Der letzte Tag. Wie immer stehe ich
um
07.00 Uhr auf. Diesmal ist es völlig still. Waschen,
frühstücken, packen und dann geht es auf die letzte Etappe.
Neben dem Eingang zum Campingplatz grasen riesige, etwas wüst
aussehende Rinder - bloß gut, dass die so friedlich sind.
Gemächlich strample ich von
Boiensdorf die letzten 23 Kilometer in Richtung Wismar, vorbei an der
Insel Poel und entlang der Wismarbucht. Ein letztes mal sehe ich den
Wegweiser, der mich über mehrere Hundert Kilometer begleitet hat.
Eigentlich hat alles prima geklappt: Das Wetter war ideal, in der
Vorsaison war überall noch Platz auf den Zeltplätzen,
keinerlei Pannen. Nur einen speziellen Radfahrer-Schlüpper werde
ich mir wohl mal zulegen: Trotz Gel-Sattel konnte ich gar nicht so viel
Vaseline auftragen, wie ich gebraucht hätte...
Und
dann habe ich es geschafft: Nach 6 Tagen und insgesamt 544 Kilometern
bin ich im Hafen von Wismar angekommen. Einmal von zu Hause bis ans
Meer gefahren und die Ostseeküste von der polnischen Grenze bis
hier abgefahren - was für ein Erlebnis. Ich sitze etwas
wehmütig im Hafen, weil es nun vorbei ist. Es waren spannende,
wunderschöne Tage in einer großartigen Landschaft. Was
für einen schönes Land ist doch Deutschland. Und wie
schön war es, einfach nur Tag für Tag am Meer
entlangzufahren. Das war bestimmt nicht das letzte mal. War auf der
Karte nicht auch eine Runde um Rügen eingezeichnet...?
"Ich fahr an die
Küste,
nach Hause,
zu den
Möwen und dem Wind..."
(Transit:
"Ich fahr' an die
Küste")
P. S.: Während der Tour ging es mir
mehrmals durch den Kopf -
hatte ich vor 35 Jahren nicht schon mal atemlos ein Buch von einem
Jungen verschlungen, der auch am Meer mit seinem Fahrrad entlangrollte?
Einige Tage nach meiner Rückkehr frage ich in der Stadtbibliothek,
ob ich als Erwachsener auch legal ein Buch aus der Kinderbibliothek
ausleihen kann. Die Bibliothekarin guckt mich etwas seltsam an,
führt mich dann aber an den Buchrücken in der
Kinderbibliothek entlang - Knabberbücher aus Plaste,
Vorschulalter, Erstlesealter, 8 bis 12 Jahre - da ist es!
Und so liege ich einige Tage später noch einmal am Strand von
Koserow und lese Benno
Pludras "Die Reise nach Sundevit". Ich lasse
mich fesseln von Timm Tammers Abenteuern, der allein mit seinen Eltern
am Meer wohnt, mit den Kindern nach Sundevit reisen darf, aber erst
Heinrich Bradenkuhl seine Brille und Herbertchen den kalten Tee
von Mutter zum Mähdrescher auf's Feld bringen muss, noch etlichen
anderen
Leuten hilft, die Kinder und schließlich das Schiff
verpasst und dann ganz allein und einsam mit seinem Campingbeutel im
Hafen steht -
bis
der lange Herrmann doch noch auftaucht, ihn ins
Gemüseauto zerrt und sie den Kindern hinterherjagen - nach
Sundevit, am Meer. Mir steigt es heiß in die Augen und ich denke:
Was hatten wir doch für großartige Kinderbücher!
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