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Die Uckermärker Nudelseite
Aus schwer erklärbaren Gründen ist die
Nudel in der Uckermark keine Teigware, sondern die Bezeichnung für
die Kartoffel. Erstaunlich ist, was der Uckermärker aus den
Erdäpfeln alles macht.
Nanu-
habe ich mich jetzt verirrt?! Nein, nicht wundern: was Sie da rechts
sehen, das soll
eine Kartoffel sein. Und die Kartoffel heißt in der Uckermark nun
einmal Nudel. Aber, Spaghetti-, Makkaroni- und Spirellifreunde- nicht
gleich wegklicken, sondern noch einen Moment hierbleiben. Hier
können Sie sehen, was man in der Uckermark alles so aus Kartoffeln
macht und was für eine einzigartige Frucht sie eigentlich ist.
Die Nudel in der Kunst
Der Nudel wurde in Lyrik, Prosa und Musik schon oftmals gedacht;
z.B. so:
Abschiedsworte
an Pelka
Jetzt schlägt
Deine schlimmste Stunde,
du Ungleichrunde,
du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
du Vielgequälte,
du Gipfel meines Entzückens,
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens,
Mit der Gabel- sei stark!
Ich will auch Butter und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Mußt nicht gleich so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist ein rührend junges Blut.-
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, daß du eine Edelknolle
Warst, und daß dich ein Kenner verschlingt.
(Ringelnatz)
oder so:
Lob der Kartoffel
Schön
rötlich die Kartoffeln sind
und weiss wie Alabaster.
Sie däu´n sich lieblich und geschwind
und sind für Mann und Frau und Kind
ein rechtes Magenpflaster.
(Matthias Claudius)
und nicht zuletzt so:
Berlin
...denn habe ick Sehnsucht nach meene
Kartoffeln,
so´n richtijen Haufen
in Soße zadrückt!
(Helga "Henne" Hahnemann)
Und warum "Nudel"?
Wieso denn nun Nudel? Erklärungsversuche lauten z.B. wie folgt:
Bei den Hugenotten, die im 17. Jahrhundert auch die Uckermark
besiedelten, hieß die Knolle "Nouelle". Oder: Nudel klingt wie
"Knudel" oder "Knödel"- so Grimms Wörterbuch, und
schließlich sei die Kartoffel ja irgendwie nudelförmig.
Oder: Nudel soll im hiesigen Sprachgebrauch auch die Bezeichnung
für ein dickes Kind oder eine dralle Frau sein, was ja früher
ein Zeichen für Wohlbefinden darstellte; genudelt sein war also
eigentlich etwas Schönes.
Der "Kartoffelbefehl" Friedrichs des II.

Friedrich II.,
Vater des "Kartoffelbefehls"
|
Kartoffeln gehören also schon seit einiger Zeit zu den
uckermärkischen Grundnahrungsmitteln. Zunächst hatte der
"Alte Fritz" einen gehörigen Anteil an der Verbreitung der
Kartoffel im Brandenburgischen, denn sein "Kartoffelbefehl" zwang die
Bauern zum Anbau der Kartoffel. Am 24. März 1756 erließ ihn
der Alte Fritz an "sämtliche Land– und Steuer Räthe,
Magistrate und Beamte": "Als habt Ihr denen Herrschaften und
Unterthanen den Nutzen von Anpflantzung dieses Erd Gewächses
begreiflich zu machen, und denselben anzurathen, dass sie noch dieses
Früh-Jahr die Pflantzung der Tartoffeln als einer sehr nahrhaften
Speise unternehmen... Wo nur ein leerer Platz zu finden ist, soll die
Kartoffel angebaut werden, da diese Frucht nicht allein sehr
nützlich zu gebrauchen, sondern auch dergestalt ergiebig ist,
daß die darauf verwendete Mühe sehr gut belohnt wird. (...)
Übrigens müßt ihr es beym bloßen Bekanntwerden
der Instruction nicht bewenden, sondern durch die Land-Dragoner und
andere Creißbediente Anfang May revidieren lassen, ob auch
Fleiß bey der Anpflantzung gebraucht worden, wie Ihr denn auch
selbst bey Euren Bereysungen untersuchen müsset, ob man sich deren
Anpflantzung angelegen seyn lasse." Friedrichs Soldaten wachten
argwöhnisch darüber, daß die Bauern das kostenlos
verteilte Pflanzgut auch hegten und pflegten.
Die Kartoffel wurde zunächst wegen ihrer schönen
Blüten nur als Zierpflanze angebaut, allenfalls gab man die
Knollen dem Vieh. Allmählich begannen aber auch die Bauern die
Kartoffel zu essen, und bald wurde sie eine der wichtigsten
Nahrungsmittel im Brandenburgischen überhaupt. Der bereits
zitierte Prenzlauer Arzt Simon Herz meinte 1790: "Für den Armen
und Mittelmann sind die Kartoffeln ein sehr wichtiges Nahrungsmittel.
Ihrer mehlichten Natur wegen sind sie sehr nahrhaft, arbeitsamen Leuten
gesund und stärkend. Zärtliche und müßige Personen
dagegen sollten das Kartoffelessen ganz und gar vermeiden. Ihr Saft ist
zu dick und zu zähe für die Verdauungskräfte der Kinder
und stillsitzender Leute. Wäßrige und unreife Kartoffeln
sollten selbst arbeitsame und robuste Leute nicht genießen."
(Quelle: Heimatkalender Prenzlau 2003)
Die Nudelwochen
Und weil gerade in der Uckermark die "Nudel" von jeher große
Bedeutung hatte, gibt es in den Gasthäusern der Region im Oktober
die "Uckermärkischen Nudelwochen". Nähere Informationen dazu
bekommen Sie beim Tourismusverband Uckermark. Dort informiert man
Sie
auch über günstige Pauschalen zu den Nudelwochen. Dabei
gestalten die einzelnen Gasthäuser ihre ganz eigenen Varianten der
Nudelwoche: Während Sie bei dem einen Restaurant eine musikalische
Reise um die Welt mit allerlei Musik und internationalen
Kartoffelgerichten erleben können, können Sie bei dem anderen
Bauern selbst Kartoffeln buddeln gehen und hinterher futtern wie bei
Muttern. Und in einem anderen Gasthaus sitzen Sie mit um den
großen Tisch, und zu den auf den Tisch geschütteten
Pellnudeln gibts Kräuterquark, Leinöl, Butter, Leberwurst
oder Gänseschmalz.
Erstaunlich ist, was man aus der schlichten grau-braunen Knolle alles
machen kann. Nachfolgend eine kleine Aufzählung dessen, was die
uckermärkischen Gastwirte aus Nudeln auf der Speisekarte haben:
Aperitiv:
- Nudelschnaps mit Hausmacher-Wurst (übrigens einst ein Renner
auf der "Grünen Woche" in Berlin, wo man den Lychener Wirten den
Drink fast aus den Händen riß: ein Kartoffelschnaps, dazu
eine dicke Scheibe Blutwurst mit einem Klecks Senf, die man vorher
ißt und dann den Schnaps nachkippt; also fast eine Art
"Uckermärker Tequila")
- Nudelschluck: in einigen uckermärkischen Gaststätten
gibt es den Nudelschnaps (Kartoffelschnaps) aus einer ausgehöhlten
Kartoffel
Vorspeisen:
- Nudelsuppe mit gerauchtem Wildschinken
- Lauwarmer Nudelsalat mit gerauchtem Lachs
- Foliennudeln mit Kräuterquark und Rauchlachs
- Nudelsuppe mit Flußkrebsschwänzen
- Großmutters passierte Nudelsuppe mit gebeiztem Lachs
- Herzhafte Nudelsuppe mit Schinkenbeißer
Hauptgänge:
- Riewnudeln med Rippken (Reibekartoffeln mit Rippchen)
- Kloppschinken med
Specknudeln
- Uckermärkischer Nudelbraten mit Krautknödeln
- Uckermärkischer Zander auf Kressesößchen in der
Nudelkruste
- Uckermärkisches Kalbsfilet auf
Blauschimmelkäsesoße und Strohnudeln
- Wildsteaks mit Nudeltalern, Kirschsoße und Rotkraut
- Zander in Nudelkruste und Gartenkarotten
- Barsch im Nudelberg und grüner Salat
- Süßnudel gefüllt mit Kräuter-Knoblauchcreme
- Nudel-Rote-Bete-Auflauf mit Käse überbacken
- Märkischer Aal in Dillgelee, dazu Bratnudeln mit Speck und
Zwiebeln
- Hausgemachtes Sauerfleisch mit Remoulade, dazu Bratnudeln mit
Speck und Zwiebeln
- Nudelsalat mit Sülze oder Kaßler
- Pellnudeln mit Quark und
Leinöl
- Nudelpuffer mit Filet und frischem Pfannengemüse
- Nudel-Gemüseauflauf mit Hähnchenbruststreifen
- Gefüllte Uckermärker Forelle mit Zitronenbutter, Nudeln
im Kräutermantel und feinem Wurzelgemüse
- Nudelwurst (eine Wurst aus Rind- und Schweinefleisch,
geräuchertem Wildschweinschinken und Kartoffel) mit Bratkartoffeln
oder Kartoffelbrei (erfunden von der Fleischerei Mai in Angermünde)
Desserts:
- Die Nudel in Karamel
- Nudelkuchen mit Soße (Kartoffelkuchen mit Mokkasahne-Sauce)
- Nudeleis mit frischem Apfelmus
- Nudelpudding mit Sauerrahm
- Nudelsouffle
- Nudelstrudel
Erstaunlich, was? Und immer dran denken und nicht vergessen: Die Nudel
ist hier die Kartoffel!
Wenn Sie also mal in der Uckermark sind, schauen Sie auf der
Speisekarte am besten nach einem deftigen Kartoffelgericht. Aber bitte,
beherzigen Sie eines: Bestellen Sie um Gottes Willen keine Pommes!
(Sie möchten mehr über das Schicksal der Kartoffel wissen,
die oben rechts abgebildet ist? Dann schauen
Sie doch mal hier.)