Nach wenigen Schritten hole ich
kurz hinter Dedelow den Fotoapparat raus und will das erste Foto
schießen. Natürlich schlägt Murphys Gesetz ("Wenn etwas
schiefgehen kann, dann wird es auch schiefgehen.") sofort zu: Der
Apparat ist tot und lässt sich erst wiederbeleben, indem ich die
Akkus rausnehme und wieder einstecke; selbstverständlich sind
jetzt auch Datum und Uhrzeit auf 0. Also alles im Gehen neu einstellen
und dann das erste Bild über den blühenden Raps und Klinkow
hinweg auf die Prenzlauer Marienkirche geschossen.
Ab Basedow gehe ich auf dem
Uckermärkischen Radrundweg, wie mir die empfehlenswerte
"Radwander-
und Freizeitkarte Uckermark" vom Pietruska-Verlag
verrät. Bis Güstow bleibe ich noch auf der mäßig
befahrenen Straße, passiere den Ort und gelange am Rand von
Güstow an die Grenze des Naturparks Uckermärkische Seen.
Für viele Kilometer wird mein Weg jetzt immer an der Grenze des
Naturparks entlang führen.

Kurz hinter Güstow
liegt plötzlich ein Kälbchen am Wegesrand im Schatten eines
Baumes. "Oh, wie niedlich!" denke ich und wundere mich, wie es
über den Zaun gekommen ist. Jenseits des Zaunes steht allerdings
die
offensichtlich sehr beunruhigte Mutter Kuh, was mich meinen Schritt
beschleunigen lässt - nein, ich will ihrem Kind nichts tun.
Am Wegesrand bis Gollmitz - jetzt bin ich gleichzeitig auf dem
"Uckermärkischen Radrundweg", der "Gutsherrenradtour" und der
"Schloß- & Kirchentour" - stehen herrlich blühende
Kirsch- und Apfelbäume, die Bienen summen und es duftet nach
Frühling.

Im Gollmitzer
Dorfkonsum versorge ich mich mit Brötchen, Bouletten und Brause
für die nächste Rast. Anschließend stehe ich staunend
vor dem restaurierten Gutshaus mit dem riesigen Mühlstein vor der
Tür. Neben dem Gutshaus bewundere ich noch mehr ein voll
funktionsfähiges Wasserrad, das von einem Bächlein mit dem
irreführenden Namen "Der Strom" angetrieben wird. Eine freundliche
alte Frau fragt mich, wo ich hinwolle und weist mir den Weg nach
Kröchlendorff. Ich bedanke mich artig, auch wenn man in die
Richtung, in die ich gehe, zwingend nach Kröchlendorff kommen
muss.
In
Kröchlendorff mache ich Rast vor dem Schloss im Schatten
alter
Bäume, verspeise meine Brötchen mit Bouletten und spüle
mit klebriger Brause hinterher (Apfelschorle oder so was gab es
nicht). Ich bin erst ca. 10 Kilometer gewandert, verspüre
aber unter den Fußsohlen schon ein unangenehmes
Gefühl. Es ist auch schon ziemlich warm; zum Glück geht
es jetzt rein in den Wald. Allerdings wird es an der nächsten
Weggabelung etwas schwierig, Karte, Wegweiser und Pfad in
Übereinstimmung zu bringen: Wo muss ich jetzt eigentlich lang?
Kurz entschlossen wähle ich den rechten Abzweig, von Zweifeln
geplagt, ob dies auch der richtige Weg sei...
Es ist
natürlich nicht der richtige Weg. Der Pfad endet nach zwei
Kilometern unvermittelt in einer Wiese, aus der anmutige Vögel
auffliegen - nur weiter geht es eben nicht. Also ein ganzes Ende
zurück, im Kopf die erste Ableitung von Murphys Gesetz des
GPS-losen Wanderers ("Wenn du an eine unbekannte Weggabelung kommst,
wirst du den falschen Weg wählen. Dieser falsche Weg wird auch
nicht in
deiner Karte aufgemalt sein, so dass du den richtigen Pfad nur nach
Gefühl finden wirst.")

Nachdem ich eine halbe Stunde durch den Wald irre
und beunruhigt über die Rückkehr der Wölfe nach
Brandenburg
nachsinne, bin ich nicht wenig erleichtert, auf den vertrauten
Wegweiser zu stoßen. Die Zivilisation hat mich wieder! Vorn ist
das Licht! Trotz der 13 Kilo auf dem Rücken geht es gleich wieder
viel leichter.

Zwar geht es jetzt durch einen schönen Waldweg;
das rustikale Kopfsteinpflaster und die Zuckersandpassagen sind aber
nicht unbedingt eine Wohltat für die Füße. Wer auf
diesem Abschnitt des Uckermärkischen Radrundweges fahren will,
sollte das wohl eher mit einem geländetauglichen Fahrrad versuchen.
Am frühen Nachmittag erreiche ich schließlich Wichmannsdorf
und den Uckermärkischen Rundwanderweg.
Eigentlich müsste ich ja jetzt mal meine Wasserflasche
nachfüllen, aber ich finde keinen Friedhof (bei meinen langen
Sonntags-Ausdauerläufen sind Friedhofs-Wasserhähne
üblicherweise
meine Wasserflaschen-Nachfüllstationen), und ein Dorfkonsum ist
auch nicht in Sicht.

Hinter Wichmannsdorf fülle ich die Kohlehydrat-
und Proteinspeicher nach, während im Ort die Sirenen heulen und
Minuten später die örtliche Feuerwehr an mir vorbeirast. In
der Nachmittagshitze schultere ich meinen Rucksack wieder, marschiere
weiter und gucke im nächsten Ort verstohlen immer wieder gen
Himmel, ob da eventuell Goldstücke auf mich herabregnen -
schließlich heißt das Dorf Sternthal. Leider werde ich
enttäuscht; es regnet nur Blütenblätter und die
Dorfköter bellen mich an.

Langsam wird es anstrengend. Ich habe mittlerweile
25 km in den Füßen und es ist so heiß, dass der
Asphalt Blasen schlägt. So ähnlich muss es wohl auch unter
meinen Füßen aussehen; die Wanderstiefel der Firma mit dem
übersetzten Namen Hans Wolfshaut lassen nicht vermuten, dass sie
eine Klimamembran haben. Sehnsüchtig schaue ich hinüber zum
Trebowsee, der von weitem in der Sonne blinkt. Nur keine
Müdigkeit; ich habe noch einige Kilometer vor mir.

Durch
Herzfelde, durch Wälder und Felder geht es in Richtung
Klosterwalde. Die weite, leicht wellige Landschaft ist herrlich; das
Gehen fällt aber
immer schwerer. Unangenehme Diagnosen wie "Dehydrierung" gehen mir
durch
den Kopf. Dann, in Klosterwalde, naht die Rettung: Das Gasthaus "Zur
Walnuß" hat die Gartenpforte einladend geöffnet, und so
sitze ich schließlich glücklich unter besagtem
Walnußbaum im Garten, vor
mir ein leuchtend gelbes Berliner Kindl, dann noch eines. Gerettet -
mein Wasserhaushalt ist wieder ausgeglichen, Kohlehydrate und
Mineralien sind auch wieder nachgefüllt. Eigentlich würde ich
an diesem gastlichen Ort ja gern sitzenbleiben, aber die Wirtin sagt,
dass es bis zum Zeltplatz
Gleuensee nicht mehr weit sei. Nun ja; ich
habe aber schon 30 Kilometer in den Beinen...

Die Wirtin
hatte recht: Noch in Herzfelde zeigt mir ein Wegweiser, wo ich hin
will, und als ich kurz hinter dem Ort dann noch die
Ankündigung eines Biergartens auf dem Zeltplatz entdecke, wird
mein Schritt leicht und beschwingt. Nur noch zwei Kilometer auf der
Straße, dann rechts weg und ich bin endlich, nach insgesamt 35
Kilometern, am Ziel der ersten Tagesetappe.
Beim
Zeltplatzverwalter frage ich schüchtern, ob evtl. noch ein Platz
für ein kleines Einmannzelt frei sei. Er grinst, weist auf die
riesigen freien Flächen seines Reiches und raunt:" Oh, das wird
schwer; wir haben nur 10 Hektar!" Er sagt, ich solle mir einen Platz
suchen, es sei noch alles frei; wenn ich wolle, könne ich auch zur
Camperwiese unten am See gehen. Ich zahle meinen Obolus und er fragt
noch, ob ich duschen wolle, was ich freudig bejahe. Dafür bekomme
ich eine Plastikkarte, für die ein Pfand zu entrichten ist. Er
meint, 90 Sekunden würden sicher reichen. Ich schaue ihn
verständnislos an; meine letzten Zeltplatzerfahrungen stammen aus
tiefster DDR-Vergangenheit, als Plastikkarten zum Duschen völlig
unbekannt waren, und so vertraue ich ihm blind.
Ich will natürlich zur Camperwiese am See, stapfe den Weg zum See
hinunter, passiere eine Zusammenrottung schauderhaft spießiger
Gartenzwerge, hoffe, dass ich noch ein freies Plätzchen auf eben
jener Camperwiese bekomme...
... und finde
mich mutterseelenallein dort wieder. (Erst später abends kommt
noch ein zweites Zelt dazu.) Auch nicht schlecht. Also baue ich schnell
mein winziges Zelt auf. Anschließend benutze ich zum ersten mal
im Leben so ein neumodisches Ding von "selbstaufblasender Isomatte":
Ich breite sie aus, öffne den Stöpsel, warte,
dass sich das Wunderwerk westeuropäischer Hochtechnologie mit
lautem Pfeifen selbst aufbläht - nichts
passiert. Na ja, also puste ich aus Leibeskräften selbst hinein;
später werde ich feststellen, dass man darauf doch sehr
komfortabel schlafen kann.
Jetzt noch eine Dusche und anschließend noch ein schönes
Bier! Ich stakse wieder hoch und ins Sanitärgebäude - und
komme aus dem Staunen kaum noch heraus. In meiner DDR-Erinnerung sind
Zeltplatz-Sanitärgebäude nach Schweiß riechende
unansehnliche
Gebäude mit billigen Plastewasserhähnen, steinernen
Fußwaschbecken und ramponierten Bänken auf rauhem
Betonboden. So also sieht ein
Sanitärgebäude des 21. Jahrhunderts aus: blitzsauber, hell,
freundlich, niegelnagelneue Sanitärkeramik - ich staune und bin
beeindruckt. Als ich allerdings meine Schuhe und Socken ausziehe, ist
die Freude schnell verflogen: Aufgeweichte schwammige weiße
Schrumpelhaut
und einige herzhafte Blasen. Das kann ja heiter werden. Heiter wird
auch das Duschen: Ich stehe ratlos nackend unter der Dusche - wie drehe
ich jetzt bitte das Wasser an?! Kein Wasserhahn, nur ein unscheinbarer
Knopf und ein Display. Irgendwas war doch mit der Karte? Ah ja, man
muss die Karte vor den Sensor halte, dann den Knopf drücken und
dann kommt tatsächlich Wasser, schönes heißes Wasser.
Das Display fängt beunruhigend schnell an, von 90 Sekunden an
herabzuzählen. Aber wie zum Teufel soll ich mich jetzt mit einer
Hand waschen, da ich doch mit der anderen Hand die dämliche Karte
vor den Sensor halten muss?! Ich verfluche die Ingenieure, die sich so
was ausdenken, bis sich mir nach 30 Sekunden der Sinn der Schiene
erschließt, in die man die Karte vor dem Sensor einschieben kann.
Na bitte, mit 2 freien Händen schafft man es doch bequem, sich in
den verbleibenden 60 Wasser-Sekunden ordentlich zu waschen!
Nach dem
Duschen freue ich mich auf ein oder zwei schöne Abendbiere, gehe
um die Ecke zur Kneipe, sehe den Wirt die Terrasse gerade abspülen
- und mein Magen zieht sich zu einem sauren Knoten zusammen: Die Kneipe
schließt um 18 Uhr, jetzt ist es 19 Uhr - neeeiiin! Der Wirt muss
wohl das Entsetzen in meinem Gesicht gesehen haben, und die Wirtin
zapft mir eine Stunde nach Schankschluss trotzdem noch ein schönes
großes Pils - ich bin ihnen unendlich dankbar.
Mit meinen geschundenen Füßen stapfe ich wieder hinunter zum
See. Es ist ein herrlicher Abend; die Sonne scheint mild auf den See,
im Schilf machen die Enten "Kröck! Kröck!", ab und zu
plätschert ein Fisch. Was für eine beruhigende Abendstimmung.
Als ich vor dem Zelt sitze und mein karges Abendmahl verspeise, ahne
ich allerdings, warum ich hier unten fast allein bin: Aus dem
nahegelegenen Sumpf ziehen drohend enorme Mückenschwärme
heran und attackieren mich. Also verstecke ich mich schon bald in dem
winzigen Zelt, schließe das Moskitonetz und lausche noch lange
dem langsam verstummenden Zwitschern zahlloser verschiedener
Vögel, bevor ich wie ein Stein schlafe.
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Letzte Änderung: 12.5.2009 |
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