Seen sehen, Tag 2: Vom Gleuensee nach Lychen

Auf der Straße nach TemplinOn the road again! Ich stapfe auf der Straße in Richtung Templin, wo ich wieder auf den Uckermärkischen Rundwanderweg treffen werde. Morgens um fünf Uhr hat mich das Zwitschern der Vögel geweckt und ich staune, wie viele verschiedene Vogelstimmen man durch die dünne Zelthaut vernehmen kann. Um 8 Uhr bin ich dann aus dem Zelt gekrochen, an dessen Innenwänden das Wasser in dünnen Bächen herablief, und habe 3 Kekse gegessen und ein paar Schlucke Wasser getrunken. Dann muss ich überlegen, welche der 4 Blasen das einzige Blasenpflaster bekommt, das ich mithabe. Die Auswahl fällt auf die Blase am rechten Hacken, deren beeindruckende Größe selbst das XXL-Blasenpflaster an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit bringt. Die Blasen unter den Fußsohlen müssen Härte zeigen. Noch die Duschkarte zurückgeben, bedanken für den schönen Zeltplatz und auf geht's.

Templiner SeeKurz hinter der Bahnüberführung der (stillgelegten) Strecke Prenzlau-Templin erreiche ich den Templiner See. Der Weg führt nun immer am See entlang, mit herrlichen Ausblicken auf die morgendlich stille Wasserfläche und durch das dichte Blätterdach eines Buchenwaldes. Allerdings brummt mir mächtig der Kopf, ich fühle mich schlapp und merke, dass es ein Fehler war, bisher so wenig zu essen und zu trinken. "Idiot", denke ich bei mir, "machst regelmäßig Langstreckenläufe und weißt genau, dass ohne ausreichende Energiezufuhr dabei unweigerlich der Hammermann kommt - und hier latschst du mit 3 Keksen und 3 Schluck Wasser im Bauch los." Zum Glück komme ich bald darauf in die Zivilisation. In Templin setze ich mich erst mal in eine Gaststätte am Strand, esse 2 Steaks mit Reis und trinke ein Erdinger alkoholfrei; danach geht es mir wesentlich besser. Und bei Schlecker decke ich mich mit Blasenpflaster ein...

Draisinengleis zwischen Templin und LychenZwischen Templin und SchulzenfeldeWeiter geht es hinter Templin auf dem Moränenweg in Richtung Schulzenfelde. Der Weg ist bei der Trockenheit furchtbar staubig, es ist sehr warm, die Bäume spenden kaum Schatten. Ich passiere die Gleise der Draisinenstrecke Templin - Lychen und biege kurz darauf in Richtung Norden nach Alt Placht ab.

Maiglöckchen am WegesrandMoränenweg als SandwüsteEndlich wird es ab und an schattiger; es geht wieder in den Wald hinein. Plötzlich weht ein wunderbarer, zarter Duft zu mir; er stammt von einer blühenden Maiglöckchenwiese am Wegesrand. Bald darauf verwandelt sich der zunächst noch angenehme Wanderweg allerdings in eine Sandwüste, die sich noch einige Kilometer hinzieht.  Ich mache eine kurze Rast in Neu Placht, gieße einen halben Liter Wasser in mich hinein, versuche nicht an die schmerzenden Blasen zu denken, während ein seltsamer Mann die ganze Zeit um mich herumschleicht.

Kirchlein im Grünen in Alt PlachtSchließlich gelange ich nach Alt Placht, einen wunderschönen Flecken im Templiner Stadtforst mit seinem anmutigen "Kirchlein im Grünen" vor blühendem Flieder. Während ich vor dem Wegweiser stehe, schauen mich 2 Männer mit Kameras aus sicherer Entfernung an, kommen plötzlich auf mich zu und fragen, ob sie mich mal für einen "Imagefilm" filmen könnten. Ich stimme zu, schaue einfältig mehrere Minuten immer wieder zwischen Karte und Wegweiser hin und her, während die Kameras summen. Einige Monate später finde ich das Foto sowie den "Imagefilm" im Netz wieder, wobei ich beide Male in beklemmende Nähe zu stockschwingenden Nordic Walkern gerückt werde.

Wegweiser bei Alt PlachtIm WaldNachdem ich mich einige Schritte hinter Alt Placht an einem Wegweiser orientiere, führt der Weg in einen Hochwald hinein. Herrlich - hohe Nadelbäume, weicher Waldboden, Farn, Gras, würziger Tannenduft, Schatten - es könnte paradiesisch sein, wenn die Blasen an den Füßen mir nicht mittlerweile fast unerträgliche Schmerzen bereiten würden. Bis Lychen sind es noch etwa acht Kilometer, und ich hoffe, es wenigstens noch bis dorthin zu schaffen.

Am PlatkowseeBöse Buben oder die feuchte Luft haben den Wegweiser des Moränenweges am Platkowsee umgeschmissen. Am Hochufer ist der Weg plötzlich zuende. Als ich zurückgehe, finde ich den umgestürzten Wegweiser. Ich nehme den wahrscheinlichsten Weg runter zum Platkowsee und gehe fortan auf dem sehr schönen Uferweg immer direkt am See entlang, mit Blick aus den dunklen Buchenwäldern hinaus auf die funkelnde Wasserfläche. Nur wenige Wassersportler sind unterwegs; umso mehr freuen sich die zahllosen Wasservögel. Sogar Eisvögel soll es hier noch geben, aber zu ornithologischer Pirsch habe ich keine Kraft mehr.

Zenssee bei LychenAuf meiner Karte ist eine Gaststätte namens Wuppgarten verzeichnet; entweder bin ich zu blöd oder nicht mehr ganz bei mir, jedenfalls finde ich sie nicht und begnüge mich mit lauwarmer Apfelschorle auf einer Bank zwischen Platkow- und Zenssee. Die letzte Etappe vor Lychen ist ebenfalls ein einmaliges Naturerlebnis. Ich stolpere am Steilufer des Zenssees entlang, schaue über den See, bin bepudert mit Blütenstaub und sehe bei jeder der zahllosen Wurzeln unter den Fußsohlen Sterne.

Schließlich erreiche ich nach etwa 28 Kilometern Lychen. Es geht keinen Schritt mehr weiter, die Blasen fordern ihren Tribut und ich muss mich mit dem Auto abholen lassen. Trotz allem: Bis hierher war es eine tolle Wanderung in grandioser Natur.



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Letzte Änderung: 12.5.2009
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