Seen sehen, 7 Wochen später, Tag 3: Von Lychen nach Feldberg

Mein Scheitern nach zwei Dritteln der geplanten Tour lässt mir keine Ruhe. Ich schelte mich innerlich Weichei, Warmduscher, Sensibelchen und grübele, wieso ich fast alle bisherigen Marathons ohne eine einzige Blase absolviert habe, aber kaum wandere ich mal 20 Kilometer, habe ich sofort Luftbereifung. Ich wühle mich durch zahllose Internetseiten, wie erfahrene Wanderer Blasen vermeiden. Es schälen sich 2 Strategien heraus: Die eine Fraktion schwört darauf, unter die Wandersocken ein weiteres sehr dünnes Paar Socken - am besten dünne Nylonsocken - zu ziehen. Die anderen empfehlen das Tapen, also das Abkleben mit Pflaster vor dem Loslaufen. Die erste Variante scheidet schnell aus; ich will mir lieber nicht ausmalen, was meine eher konservativen uckermärkischen Landsleute über mich denken, wenn sie an meinen Füßen seidene oder hauchdünne Damen-Nylon-Strümpfe sehen. Also betrete ich bald darauf frohen Mutes eine Apotheke und verlange betont gelangweilt "Tape bitte; am besten Leukotape!". Die Apothekerin sieht mich verlegen an, tippt dann nervös in ihrem PC, tuschelt mit einer Kollegin, geht nach hinten und hält mir zaghaft eine Rolle weißes Tape hin; zwar nicht von Leuko, aber immerhin. "Meinen Sie sowas...?" Ich gebe nicht zu, dass mir so was auch völlig neu ist und bejahe forsch. Dazu noch eine Großpackung Blasenpflaster und ich habe was ich brauche.

Treibholz-Station in Lychen7 Wochen nach dem unrühmlichen Ende meiner Expedition will ich nun die dritte und letzte Etappe von Lychen nach Feldberg nachholen. An einem warmen Julitag packe ich den kleinen Wanderrucksack und klebe sorgfältig lange Streifen Tape über alle auch nur im entferntesten gefährdeten Stellen meiner Füße, bis selbige aussehen wie die einer Mumie. Das logistisch hochkomplizierte Transportproblem löse ich, indem ich mit dem Auto nach Feldberg fahre, dieses dort abstelle, nach Lychen radle, das Fahrrad an der Treibholz-Kanustation anschließe, nach Feldberg wandere, mit dem Auto nach Lychen fahre und dort das Fahrrad abhole. Auf der Radtour von Feldberg nach Lychen holpert es mir zwischen Laeven und Triepkendorf fast die Schädeldecke weg und mein Rucksack fliegt in hohem Bogen vom Gepäckständer; das ist also eine lt. Karte "Radroute auf witterungsabhängig oder schlecht befahrbaren Wegen". Bei Treibholz schließe ich mein Fahrrad an; dort ist morgens schon guter Betrieb. Wir haben dort schon mehrmals Kanus für Fahrten auf den Lychener Seen ausgeliehen oder großartige Floßtouren mit Grillen in Sängerslust unternommen.

Zeichen des MoränenwegsBlick auf den OberpfuhlWenige Schritte am Oberpfuhl entlang, und ich treffe auf das bekannte Zeichen des Moränenweges, den roten Balken. Es wird mich fast bis zum Ziel meiner Wanderung begleiten. Zunächst allerdings macht der Weg wenig Freude: Man muss über einen Kilometer auf der Straße laufen. Der Verkehr ist bei dem schönen Wetter nicht unbedeutend, und als dann auch noch Leitplanken die Straße säumen, wird es ungemütlich, wenn mir Autos entgegenkommen.

Landrover von TreibholzWegweiser nach ThomsdorfEndlich schickt mich der Wegweiser nach Thomsdorf in den Wald hinein und runter von der Straße. Kurz darauf rumpelt der Landrover von Treibholz an mir vorbei, hinter sich den Kanutransporthänger. Offenbar will er Wasserwanderer abholen.

Wasserwanderer auf dem KüstrinchenbachKüstrinchenbachEin paar Schritte weiter erreiche ich den Küstrinchenbach und sehe eine Gruppe von Kanufahrern, die der Treibholz-Fahrer hier wohl aufsammelt. Ich gehe weiter und tauche ein unter das dichte grüne Blätterdach. Was für ein Anblick - über mir das dichte Grün des Waldes, neben mir der leise murmelnde Bach. Dazu summen die Bienen, es duftet nach kienigem Holz. Großartig. Als Deutscher kann man wohl nicht aus seiner Haut - Wälder haben für mich etwas magisch Anziehendes, vor allem, weil es kilometerweit rund um meinen Heimatort nur Acker und Wiesen und kein bißchen Wald gibt. Ich genieße jeden Schritt auf dem federnden Waldboden. Dass mich die Mücken in dichten Schwärmen attackieren, lässt sich verschmerzen.

Rast am BiwakplatzWehr am KüstrinchenbachEinige Minuten später erreiche ich ein Wehr am Bach, an dem ein Biwakplatz für Wasserwanderer eingerichtet ist. Um das Wehr herum führt eine Art Kanu-Umleitung für die Wasserwanderer, wenn der Küstrinchenbach mal ausreichend Wasserstand hat, um ihn zu befahren. Ich raste, esse Brötchen und trinke Wasser, schließlich habe ich noch etliche Kilometer vor mir. 

KüstrinchenbachWegweiser nach ThomsdorfNoch drei Kilometer geht es am Bach entlang, dann schwenke ich, dem Wegweiser folgend, weg und hinein in den Hochwald. Schade; das war einer der schönsten Wanderwegabschnitte in den ganzen drei Tagen. Doch auch der Weg durch den Wald macht Spaß.

Blick auf den Großen KüstrinseeIn den Baum geschnitzter WegweiserMitten im Wald sind in die Rinde der Bäume Wegweiser geritzt, wo man die Boote im Bach einsetzen kann. Wenig später kann ich in der Ferne den Großen Küstrinsee sehen. Meine Schritte werden schneller, es geht etwa 2 Kilometer auf der Straße entlang...

Schreibermühle... denn auf meiner Karte ist die Schreibermühle nicht mehr fern, bei der die Kartensymbole andeuten, es gäbe dort Speis und Trank. Und richtig - an der Straße stehen zahlreiche Schilder auf denen Schnitzel mit Pommes, Bockwurst mit Salat, diverse Biersorten und zart schmelzende Eiskugeln locken. In Gedanken stelle ich mir ein Menü zusammen, der Speichel fließt, ich überlege, ob ich ein Pils oder ein schönes kaltes Weizen zum Essen trinke. Als ich auf den Hof biege ist niemand zu sehen. Die Tische draußen sind gedeckt, die Sonnenschirme aufgespannt. Ich gehe umher - niemand. Ich fasse vorsichtig an Türen - zu. Ich streife durch's Gelände - keiner da. Langsam kommt es mir seltsam vor; was geht hier vor? Mich hungert und dürstet! Und warum, zum Teufel, muss ich gerade jetzt  auch noch an den Film "Beim Sterben ist jeder der Erste" ("Deliverance") denken?! Die Gegend, durch die Burt Reynolds mit seinen Kumpels streifte, war ja ähnlich einsam; dort trafen sie dann auf autistische Banjospieler und schreckliche zahnlose Hinterwäldler, die hässliche - sehr hässliche! - Dinge mit ihnen anstellten... Tief enttäuscht schleiche ich mich von dannen.

Getapte FüßeSo sitze ich dann wehmütig einen Kilometer weiter auf einer Bank, esse ein ledriges Brötchen, trinke lauwarmes Waser und betrachte interessiert meine getapten Füße. Sieht ja ziemlich bizarr aus und ob die Wickeltechnik so richtig ist, weiß ich auch nicht; aber auf jeden Fall habe ich noch keine Blase. Der Zweck heiligt die Mittel.

Neuhaus MückenfangWächter an der Kolbatzer MühleNächste Chance auf etwas Labsal ist die Kolbatzer Mühle. Ich komme vorbei an einem Flecken mit dem seltsamen Namen "Neuhaus Mückenfang" (ob das der amtliche Name ist?), wo mich der Hund geifernd verbellt, wie die Hundebesitzer das wohl nennen. Und nach einem abrupten Schwenk des Weges nach Osten sehe ich nach einem Kilometer schon den Wächter am Eingang zur Kolbatzer Mühle. Hunger! Durst! Irgendwie kommt mir der Ort bekannt vor. Richtig: Hier sind wir bei unserer Herrentags-Kanutour vor einigen Jahren vorbeigekommen, als wir von Thomsdorf bis Lychen unterwegs waren; mit paddeln, kilometerlangem Treideln bis hin zum Umtragen der ziemlich schweren Kanus. Aber es war ein unvergessliches Erlebnis.

Stilleben mit Weißbier und BockwurstKolbatzer MühleIn der Kolbatzer Mühle ist es voll: Draußen im Garten sitzen Dutzende Kanufahrer, offenbar ein Verein, und mampfen, trinken, lachen und prahlen mit ihren Taten. Neben mir plätschert der Bach, ein paar Schritte weiter ist wohl eine Forellenfarm. Was für eine Idylle, weitab von der Zivilisation! Und endlich kriege ich auch ein wundervolles Einsiedler-Weißbier (erstaunlich, dass Weißbier auch in Chemnitz gebraut wird) und eine schöne heiße Bockwurst. Die einfachen Dinge sind oft die schönsten.

Bach bei Aaalkasten Als ich gestärkt und frohen Mutes weiterwandere, komme ich nach einer halben Stunde an einen Ort, der so schön ist, dass es mir fast das Wasser in die Augen treibt: Nahe Aalkasten murmelt der Bach am Ausfluss des Großen Mechowsees unter einem dichten grünen Blätterdach dahin. Es ist völlig still, nur ab und zu hört man das Zwitschern eines Vogels oder das Quaken eines Frosches. Leise plätschernd gleitet ein Kanu durch die Seerosen und an mir vorbei; dann ist es wieder so einsam wie vorher und die Bäume spiegeln sich im Wasser.

Umtragen von Booten an der Krüseliner MühleAn der Krüseliner MühleDie Stille hält aber nicht lange an: An der Krüseliner Mühle ist ordentlich Betrieb. Das sehr idyllische Ausflugslokal ist gut besucht, auf dem Krüselinsee sind zahlreiche Kanus unterwegs und diejenigen, die vom Krüselinsee weiter flussabwärts wollen, müssen ein Stück die Kanus vom See zum Bach hinab tragen.

Krüselinsee mit KanuNoch ein gepflegtes Weizenbier im Biergarten der Krüseliner Mühle hätte mich ja auch gelockt, aber ich bin ja nicht unterwegs, um Müßiggang zu pflegen. Also wandere ich weiter auf dem Moränenweg am Ostufer des Krüselinsees entlang, unter schattigen Bäumen, auf einem angenehmen Waldweg, immer mit Blick auf den See, wo zahlreiche Kanus unterwegs sind. Freundlicherweise habe ich auch noch keine Blase; die dicken Pflasterbandagen an allen Problemzonen scheinen also zu helfen.

FKK-SchildBlick zurück auf den KrüselinseeNachdem ich mich das letzte Stück durch Sumpf und Brennesseln (schreibt man die jetzt mit 3 n?) geschlagen habe, erreiche ich schließlich das Nordufer des Krüselinsees, nahe dem Zeltplatz Thomsdorf. Mit einem Schild weisen hier die "Enkel der FKK-Bewegung" darauf hin, dass an dieser Stelle seit 80 Jahren die Nudisten ihrem gesunden Hobby frönen.

Findlingsgarten bei Carwitz"Mühle Flügellos" in CarwitzHier verlasse ich den Moränenweg, dem ich so lange gefolgt bin, und wende mich gen Carwitz. Am Straßenrand sind im Findlingsgarten die gigantischen Zeugen der Eiszeit aufgebaut und am Ortseingang begrüßt mich die Windmühle ohne Flügel, in der noch vor kurzem kleine Ausstellungen zu sehen waren.

Kanus in CarwitzGrab von Hans Fallada in CarwitzIn Carwitz kann ich mich nicht lange aufhalten. Für einen Bildungsbürger ist es allerdings ein Muss, kurz am Grab von Hans Fallada zu verweilen, dem deutschen Schriftsteller, der einige Jahre in Carwitz lebte. Ich beobachte noch einen Moment die Kanus, die vom Schmalen Luzin in den Carwitzer See wechseln, und ziehe dann weiter. Eine Grillwurst hätte mir ja noch geschmeckt, aber die Steaks und Würste im "Schafstall" sind erst um 18 Uhr so weit, und ich muss spätestens um 19 Uhr an der Luzin-Fähre sein; bis dorthin ist es noch ein ordentliches Stück Weges.

Rast im HullerbuschBlick auf den Carwitzer SeeHinter Carwitz steige ich hinauf in den Hullerbusch, einem Naturschutzgebiet mit Findlingen, Wald, Wiesen, einem Hünengrab und einem großartigen Ausblick auf die Seen der Umgebung. Hier mache ich die letzte Rast; allmählich werden die Beine nach mittlerweile 23 Kilometern doch schwer.

Fähranleger am LuzinZiegenbock im HullerbuschIrgendwie finde ich auf dem letzten Stück den richtigen Weg nicht, irre etwas konfus durch den Hullerbusch, wähle Wege in Richtung Westen, komme an einer Ziegenherde vorbei, deren Geißbock völlig ausrastet, finde schließlich gegen viertel nach sechs den Fähranleger - und erstarre: Der Fährbetrieb endet um 18 Uhr! Aber im Internet stand 19 Uhr! Oh nein - jetzt gibt es nur 2 Varianten: Plan A: Schwimmen. Scheidet aus; das Wasser ist schrecklich kalt, und bei unserer Fährüberfahrt zu Himmelfahrt vor 2 Jahren hat der Fährmann genau in der Mitte des Sees angefangen, von weißen, aufgedunsenen Wasserleichen auf dem Grund des Sees zu erzählen. Plan B: Nach Feldberg um den See herum laufen. Die Vorstellung verursacht mir Übelkeit; das wären noch mal fast 10 Kilometer. Also klappe ich verzagt das Schild hoch; ein Funken Hoffnung glimmt noch in mir. Neben dem Fähranlager steht auf einem Schild eine Mobilfunknummer. Ich rufe dort an, stammele meine Bitte nach Überfahrt und höre mit grenzenloser Erleichterung, dass der Fährmann extra wegen mir noch mal rüberkommt.

Fähre über den Schmalen LuzinFähre über den Schmalen LuzinKurz danach kommt er auch über den Luzin und holt mich. Ich werde nie wieder auf die Servicewüste Deutschland schimpfen, wo doch der Fährmann seinen sauer verdienten Feierabend opfert, um mich mit seiner muskelbetriebenen Fähre überzusetzen! Und so gleiten wir über den abendlichen Schmalen Luzin, auf der Feldberger Seite werfe ich noch einen Blick zurück und habe auch diese letzte Etappe mit ihren 25 Kilometern geschafft. Schön war's! 3 Tage durch den Naturpark, durch Wälder, Seen und Felder, einsam wie in Kanada und doch so dicht vor der Haustür.


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Letzte Änderung: 12.5.2009
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