7 Wochen nach
dem unrühmlichen Ende meiner Expedition will ich nun die dritte
und letzte Etappe von Lychen nach Feldberg nachholen. An einem warmen
Julitag packe ich den kleinen Wanderrucksack und klebe sorgfältig
lange Streifen Tape über alle auch nur im entferntesten
gefährdeten Stellen meiner Füße, bis selbige aussehen
wie die einer Mumie. Das logistisch hochkomplizierte Transportproblem
löse ich, indem ich mit dem Auto nach Feldberg fahre, dieses
dort abstelle, nach Lychen radle, das Fahrrad an der
Treibholz-Kanustation anschließe, nach Feldberg wandere, mit dem
Auto nach Lychen fahre und dort das Fahrrad abhole. Auf der Radtour von
Feldberg nach Lychen holpert es mir zwischen Laeven und Triepkendorf
fast die Schädeldecke weg und mein Rucksack fliegt in hohem Bogen
vom Gepäckständer; das ist also eine lt. Karte "Radroute auf
witterungsabhängig oder schlecht befahrbaren Wegen". Bei Treibholz
schließe ich mein Fahrrad an; dort ist morgens schon guter
Betrieb. Wir haben dort schon mehrmals Kanus für Fahrten auf den
Lychener Seen ausgeliehen oder großartige Floßtouren mit
Grillen in Sängerslust unternommen.
Wenige Schritte am
Oberpfuhl entlang, und ich treffe auf das bekannte Zeichen des
Moränenweges, den roten Balken. Es wird mich fast bis zum
Ziel meiner Wanderung begleiten. Zunächst allerdings macht der Weg
wenig Freude: Man muss über einen Kilometer auf der Straße
laufen. Der Verkehr ist bei dem schönen Wetter nicht unbedeutend,
und als dann auch noch Leitplanken die Straße säumen, wird
es ungemütlich, wenn mir Autos entgegenkommen.

Endlich schickt mich der
Wegweiser nach Thomsdorf in den Wald hinein und runter von der
Straße. Kurz darauf rumpelt der Landrover von Treibholz an mir
vorbei, hinter sich den Kanutransporthänger. Offenbar will er
Wasserwanderer abholen.

Ein paar Schritte weiter erreiche ich den
Küstrinchenbach und sehe eine Gruppe von Kanufahrern, die der
Treibholz-Fahrer hier wohl aufsammelt. Ich gehe weiter und tauche ein
unter das dichte grüne Blätterdach. Was für ein Anblick
- über mir das dichte Grün des Waldes, neben mir der leise
murmelnde Bach. Dazu summen die Bienen, es duftet nach kienigem Holz.
Großartig. Als Deutscher kann man wohl nicht aus seiner Haut -
Wälder haben für mich etwas magisch Anziehendes, vor allem,
weil es kilometerweit rund um meinen Heimatort nur Acker und Wiesen und
kein bißchen Wald gibt. Ich genieße jeden Schritt auf dem
federnden Waldboden. Dass mich die Mücken in dichten
Schwärmen attackieren, lässt sich verschmerzen.

Einige Minuten später erreiche ich ein Wehr am
Bach, an dem ein Biwakplatz für Wasserwanderer eingerichtet ist.
Um das Wehr herum führt eine Art Kanu-Umleitung für die
Wasserwanderer,
wenn der Küstrinchenbach mal ausreichend Wasserstand hat, um ihn
zu
befahren. Ich raste, esse Brötchen und trinke Wasser,
schließlich habe ich noch etliche Kilometer vor mir.

Noch drei Kilometer geht es am Bach entlang, dann
schwenke ich, dem Wegweiser folgend, weg und hinein in den Hochwald.
Schade; das war einer der schönsten Wanderwegabschnitte in den
ganzen drei Tagen. Doch auch der Weg durch den Wald macht Spaß.

Mitten im Wald
sind in die Rinde der Bäume Wegweiser geritzt, wo man die Boote im
Bach einsetzen kann. Wenig später kann ich in der Ferne den
Großen Küstrinsee sehen. Meine Schritte werden schneller, es
geht etwa 2 Kilometer auf der Straße entlang...
... denn auf meiner Karte ist die
Schreibermühle nicht mehr fern, bei der die Kartensymbole
andeuten, es gäbe dort Speis und Trank. Und richtig - an der
Straße stehen zahlreiche Schilder auf denen Schnitzel mit Pommes,
Bockwurst mit Salat, diverse Biersorten und zart schmelzende Eiskugeln
locken. In Gedanken stelle ich mir ein Menü zusammen, der Speichel
fließt, ich überlege, ob ich ein Pils oder ein schönes
kaltes Weizen zum Essen trinke. Als ich auf den Hof biege ist niemand
zu sehen. Die Tische draußen sind gedeckt, die Sonnenschirme
aufgespannt. Ich gehe umher - niemand. Ich fasse vorsichtig an
Türen - zu. Ich streife durch's Gelände - keiner da. Langsam
kommt es mir seltsam vor; was geht hier vor? Mich hungert
und dürstet! Und warum, zum Teufel, muss ich gerade jetzt
auch
noch an den Film "Beim
Sterben ist jeder der Erste" ("Deliverance")
denken?! Die Gegend, durch die Burt Reynolds mit seinen Kumpels
streifte, war ja ähnlich einsam; dort trafen sie dann auf
autistische Banjospieler und schreckliche zahnlose Hinterwäldler,
die hässliche - sehr hässliche! - Dinge mit ihnen
anstellten... Tief enttäuscht schleiche ich mich von dannen.
So sitze ich
dann wehmütig einen Kilometer weiter auf einer Bank, esse ein
ledriges Brötchen, trinke lauwarmes Waser und betrachte
interessiert meine getapten Füße. Sieht ja ziemlich bizarr
aus und ob die Wickeltechnik so richtig ist, weiß ich auch nicht;
aber auf jeden Fall habe ich noch keine Blase. Der Zweck heiligt die
Mittel.

Nächste
Chance auf etwas Labsal ist die Kolbatzer Mühle. Ich
komme vorbei
an einem Flecken mit dem seltsamen Namen "Neuhaus Mückenfang" (ob
das der amtliche Name ist?), wo mich der Hund geifernd verbellt, wie
die Hundebesitzer das wohl nennen. Und nach einem abrupten Schwenk des
Weges nach Osten sehe ich nach einem Kilometer schon den Wächter
am Eingang zur Kolbatzer Mühle. Hunger! Durst! Irgendwie kommt mir
der Ort bekannt vor. Richtig: Hier sind wir bei unserer
Herrentags-Kanutour vor einigen Jahren vorbeigekommen, als wir von
Thomsdorf bis Lychen unterwegs waren; mit paddeln, kilometerlangem
Treideln bis hin zum Umtragen der ziemlich schweren Kanus. Aber es war
ein unvergessliches Erlebnis.

In der Kolbatzer Mühle ist es voll:
Draußen im Garten sitzen Dutzende Kanufahrer, offenbar ein
Verein, und mampfen, trinken, lachen und prahlen mit ihren Taten. Neben
mir plätschert der Bach, ein paar Schritte weiter ist wohl eine
Forellenfarm. Was für eine Idylle, weitab von der Zivilisation!
Und endlich kriege ich auch ein wundervolles Einsiedler-Weißbier
(erstaunlich, dass Weißbier auch in Chemnitz gebraut wird) und
eine schöne heiße Bockwurst. Die einfachen Dinge sind oft
die schönsten.
Als ich gestärkt und frohen Mutes weiterwandere, komme ich nach
einer halben Stunde an einen Ort, der so schön ist, dass es mir
fast das Wasser in die Augen treibt: Nahe Aalkasten murmelt der Bach am
Ausfluss des Großen Mechowsees unter einem dichten grünen
Blätterdach dahin. Es ist
völlig still, nur ab und zu hört man das Zwitschern eines
Vogels oder das Quaken eines Frosches. Leise plätschernd gleitet
ein Kanu durch die Seerosen und an mir vorbei; dann ist es wieder so
einsam wie vorher und die Bäume spiegeln sich im Wasser.

Die Stille hält aber nicht lange an: An der
Krüseliner
Mühle ist ordentlich Betrieb. Das sehr idyllische
Ausflugslokal ist gut besucht, auf dem Krüselinsee sind zahlreiche
Kanus unterwegs und diejenigen, die vom Krüselinsee weiter
flussabwärts wollen, müssen ein Stück die Kanus vom See
zum Bach hinab tragen.
Noch ein
gepflegtes Weizenbier im Biergarten der Krüseliner Mühle
hätte mich ja auch gelockt, aber ich bin ja nicht unterwegs, um
Müßiggang zu pflegen. Also wandere ich weiter auf dem
Moränenweg am Ostufer des Krüselinsees entlang, unter
schattigen Bäumen, auf einem angenehmen Waldweg, immer mit Blick
auf den See, wo zahlreiche Kanus unterwegs sind. Freundlicherweise habe
ich auch noch keine Blase; die dicken Pflasterbandagen an allen
Problemzonen scheinen also zu helfen.

Nachdem ich
mich das letzte Stück durch Sumpf und Brennesseln (schreibt man
die jetzt mit 3 n?) geschlagen habe, erreiche ich schließlich das
Nordufer des Krüselinsees, nahe dem Zeltplatz Thomsdorf. Mit einem
Schild weisen hier die "Enkel der FKK-Bewegung" darauf hin, dass an
dieser Stelle seit 80 Jahren die Nudisten ihrem gesunden Hobby
frönen.

Hier verlasse
ich den Moränenweg, dem ich so lange gefolgt bin, und wende mich
gen Carwitz.
Am Straßenrand sind im Findlingsgarten die
gigantischen Zeugen der Eiszeit aufgebaut und am Ortseingang
begrüßt mich die Windmühle ohne Flügel, in der
noch vor kurzem kleine Ausstellungen zu sehen waren.

In Carwitz kann
ich mich nicht lange aufhalten. Für einen Bildungsbürger ist
es allerdings ein Muss, kurz am Grab von Hans Fallada zu verweilen, dem
deutschen Schriftsteller, der einige Jahre in Carwitz lebte. Ich
beobachte noch einen Moment die Kanus, die vom Schmalen Luzin in den
Carwitzer See wechseln, und ziehe dann weiter. Eine Grillwurst
hätte mir ja noch geschmeckt, aber die Steaks und Würste im
"Schafstall" sind erst um 18 Uhr so weit, und ich muss spätestens
um 19 Uhr an der Luzin-Fähre
sein; bis dorthin ist es noch
ein ordentliches Stück Weges.

Hinter Carwitz steige ich hinauf in den Hullerbusch,
einem Naturschutzgebiet mit Findlingen, Wald, Wiesen, einem
Hünengrab und einem großartigen Ausblick auf die Seen der
Umgebung. Hier mache ich die letzte Rast; allmählich werden die
Beine nach mittlerweile 23 Kilometern doch schwer.

Irgendwie finde ich auf dem letzten Stück den
richtigen Weg nicht, irre etwas konfus durch den Hullerbusch,
wähle Wege in Richtung Westen, komme an einer Ziegenherde vorbei,
deren Geißbock völlig ausrastet, finde schließlich
gegen viertel nach sechs den Fähranleger - und erstarre: Der
Fährbetrieb endet um 18 Uhr! Aber im Internet stand 19 Uhr! Oh
nein - jetzt gibt es nur 2 Varianten: Plan A: Schwimmen. Scheidet aus;
das Wasser ist schrecklich kalt, und bei unserer
Fährüberfahrt zu Himmelfahrt vor 2 Jahren hat der
Fährmann genau in der Mitte des Sees angefangen, von weißen,
aufgedunsenen Wasserleichen auf dem Grund des Sees zu erzählen.
Plan B: Nach Feldberg um den See herum laufen. Die Vorstellung
verursacht mir Übelkeit; das wären noch mal fast 10
Kilometer. Also klappe ich verzagt das Schild hoch; ein Funken Hoffnung
glimmt noch in mir. Neben dem Fähranlager steht auf einem Schild
eine Mobilfunknummer. Ich rufe dort an, stammele meine Bitte nach
Überfahrt und höre mit grenzenloser Erleichterung, dass der
Fährmann extra wegen mir noch mal rüberkommt.

Kurz danach
kommt er auch über den Luzin und holt mich. Ich werde nie wieder
auf die Servicewüste Deutschland schimpfen, wo doch der
Fährmann
seinen sauer verdienten Feierabend opfert, um mich mit seiner
muskelbetriebenen Fähre überzusetzen! Und so gleiten wir
über den abendlichen Schmalen Luzin, auf der Feldberger Seite
werfe ich noch einen Blick zurück und habe auch diese letzte
Etappe mit ihren 25 Kilometern geschafft. Schön war's! 3 Tage
durch den Naturpark, durch Wälder, Seen und Felder, einsam wie in
Kanada und doch so dicht vor der Haustür.
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Letzte Änderung: 12.5.2009 |
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