Hier kreuzte früher die
Bahntrasse die Straße nach Neubrandenburg, die heutige B198.
In Richtung
Falkenhagen stapfen wir bei starkem Gegenwind auf der holprigen
Plattenstraße entlang der Strecke. Mal verläuft die alte
Trasse in tiefen Einschnitten im Gelände, mal auf einem Damm.
Auch in Falkenhagen ist der
ehemalige Bahnhof unauffindbar. Außerdem versperrt uns nach
wenigen Metern dichtes Gestrüpp den Weg auf der Trasse, so
daß wir die Straße entlang nach Friedenshof gehen
müssen - die Trasse sehen wir nur aus der Ferne.

Am früheren Haltepunkt in Friedenshof treffen
wir schließlich wieder auf die Strecke, die an den über die
Straße führenden Gleisen noch erkennbar ist.
Nach einer
Mittagspause im hohen Gras zwischen Grillengezirpe und Vogelzwitschern,
geht es weiter in Richtung Rittgarten. Wir kämpfen uns durch
dichtes Gras, brusthohes Getreide, Gestrüpp und lauernde Zecken
und haben dabei
einen schier endlos weiten Blick über die friedliche
uckermärkische Landschaft.
Auch in
Rittgarten erinnert nichts mehr an den früheren Bahnhof. Neben der
Kopfsteinpflasterstraße ist nur noch ein von Gras
überwucherter Streifen zu sehen, und wenn wir nicht die alten
Karten hätten, wäre der Haltepunkt unauffindbar gewesen.
Dafür entschädigt uns der folgende Abschnitt nach Kraatz mit
einem wunderschönen Wanderweg. Allerdings wird es allmählich
anstrengend: Die Schultern schmerzen von den Rucksäcken, unter den
Füßen sind erste zarte Andeutungen von Blasen fühlbar
und der Schweiß spritzt uns waagerecht aus der Stirn.
Wir nehmen uns
die Zeit für die Besichtigung der "Wüsten Kirche" am
Wegesrand und wundern uns, warum die drei dort spielenden Kinder bei
unserem Anblick verstummen und kurz darauf verschwinden. Sehen wir
wirklich so martialisch aus, daß man erschrocken vor uns flieht?
Der weitere Weg nach Kraatz ist gesäumt von duftenden
Kräutern, Wildrosen und sattem Grün. Die Trasse führt
später in weitem Bogen auf einem zugewachsenen Damm hinüber
nach Kraatz; am Weg sieht man als Erinnerung an die frühere
Strecke noch hin und wieder einen Kilometerstein.

In Kraatz -
hier die Stelle, an der einst der Bahnhof war - ist gerade
Dorffest. Duftende Grillwürste und saftige Steaks rufen "Iß
uns! Iß uns!", und aus Halbliterkrügen lockt goldfunkelndes
Bier, während außen der Schaum am beschlagenen Glas
hinunterläuft. Uns wird der Hals trocken, aber: Wir haben ja noch
einen Funken Selbstachtung im Leib: "Wir geloben, unser Bier erst am
Ziel in der Alten Bahnhofsgaststätte in Fürstenwerder zu
trinken!"
Also massieren
wir die schmerzenden Schultern und denken voll Schaudern an die
mittlerweile deutlich spürbaren Blasen unter den Füßen,
um dann die letzten 5 Kilometer bis Fürstenwerder unter die
brennenden Sohlen zu nehmen. Die ehemalige Bahntrasse verläuft nun
fast durchweg entlang der Chaussee, so daß wir die ganze Zeit auf
der Straße laufen müssen. Als ein mitleidiger Autofahrer uns
mitnehmen will, winken wir dankend ab und rufen mit gequältem
Lächeln, daß wir gerne wandern.
Nach fast
sieben Stunden haben wir es dann geschafft: Die 28 Kilometer liegen
hinter uns, wir sind am Zielbahnhof in Fürstenwerder,
unser
Schritt wird schneller, wir schmecken Bierschaum auf den
ausgedörrten Lippen - doch was ist das?!
Wir verfluchen die Gastwirte und das Dorffest in
Kraatz. (Zur Ehrenrettung der Wirtin des "Alten Bahnhofs" sei
gesagt: Es handelt sich um eine ordentliche, ehrwürdige und
empfehlenswerte uckermärkische Kneipe, in der wir an anderen Tagen
gut gegessen und ein gepflegtes Bier getrunken haben. Und wer sich
für die ehemalige Kreisbahn interessiert: Im Gastraum kann man
diverses Interieur und Geschichten über die Kreisbahn bestaunen.)
Wir suchen also eine Alternative, die uns ein Mann nennt, der einsam
auf einem klapprigen Fahrrad dahergefahren kommt. Und so sitzen wir
wenig später im Garten einer Kneipe namens "Zum Lammbock" bei
Lübzer Pilz und monströsen Bauernfrühstücken, die
uns die Anstrengungen der letzten Stunden erst mal vergessen lassen.
Ein paar
Schritte weiter in Richtung Feldberg finden wir auf einer Halbinsel im
Großen See dann einen Platz für unser Nachtlager. (Nein,
liebe Naturwächter des Naturparkes
"Uckermärkische Seen", wir
waren einige Schritte außerhalb der Grenze des Naturparkes, wir
waren ganz still und haben keinen einzigen Krümel Abfall
hinterlassen.)
Jetzt offenbaren sich auch die gräßlichen
Wunden: Wo einst prachtvolle, rosige Knabenzehen waren, gibt es jetzt
nur blutige Stümpfe mit aufgeplatzten Blasen und offenem,
nässendem Fleisch.
Plan A lautete
eigentlich, daß ich meine Zeltbahn mit Luftmatratze und
Schlafsack unter freiem Himmel ausbreite, um die laue Sommernacht
draußen zu genießen. Doch ich habe die Rechnung ohne die
Wirte gemacht: Als sich spätabends Milliarden von Mücken mit
drohendem Brummen immer mehr meinem Gesicht nähern wird die
Situation bedrohlich, und ich sehe mich schon am Morgen zugeschwollen
und völlig entstellt erwachen.
Also
tritt Plan B in Kraft und ich flehe um Einlaß in des Sohnes
Einmannzelt, der auch
gewährt wird. Es ist unfaßbar eng, das Kondenswasser tropft
auf uns herab, und da wir in leichter Hanglage kampieren, rutschen wir
langsam und unmerklich samt Luftmatratzen und Zelt in Richtung See
hinunter. Die Heringe halten uns zum Glück, sind aber morgens
völlig verbogen.
Dafür
entschädigt uns am Morgen der wunderbare Capuccino, den der Sohn
auf seinem Gaskocher zubereitet. Dazu gibt es Weißbrot und
Nutella aus der Tube, die wir morgens um 7 Uhr beim Zwitschern der
Vögel und aufgehender Sonne genießen.
Schließlich geht es heimwärts, wenn der Chronist der
Ehrlichkeit halber aber zugeben muß, daß wir uns in Kraatz
mit dem Auto abholen lassen müssen. Mit den Blasen unter den
Füßen geht es einfach nicht mehr...
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Letzte Änderung: 19.3.2006 |
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